Kaschnitz Ein Ruhiges Haus Satire Essays

On By In 1

Lea Singer: "Der Opernheld"

Moritz Redder, erfolgreicher Jurist, führt ein geordnetes Dasein und kennt keine Unwägbarkeiten. Als aber durch eine Erbschaft die Musik Einzug in sein Leben hält, verändert sich alles. Die italienische Oper erobert ihn im Sturm: zuerst sein Herz und dann seinen Verstand. Sie erweckt ihn zum Leben und lässt ihn an die besungenen Ideale glauben – bedingungslose Liebe, lodernde Leidenschaft, Heldenmut. Moritz Redder verliert keine Zeit: Er reist nach Italien und nennt sich fortan Maurizio Salvatore. Die Liebe zur Oper und zu den Sängerinnen wird zur Obsession. Der Magie der Oper verfallen, verliert er sich selbst immer mehr und findet doch zuletzt ein Glück, das er eigentlich gar nicht suchte. „Lea Singer versteht es, aus ihren Recherchen Honig zu saugen“ urteilt der NDR.

Lea Singer wurde in Kunstgeschichte, Musik- und Literaturwissenschaft promoviert. Sie arbeitet als Sachbuchautorin und Publizistin und lebt in München. Neben dem Prosastück „Die österreichische Hure“ (2005) hat sie hochgelobte Romane geschrieben, u.a. „Die Zunge“ (2000), „Das nackte Leben“ (2005) über das Schicksal und die Ehen der Constanze Mozart, „Vier Farben der Treue“ (2006), welcher 1935 in Salzburg spielt, „Mandelkern“ ( 2007), eine weibliche Doktor-Faustus-Geschichte, und zuletzt „Konzert für die linke Hand“ (2008) über das Leben des einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein. Ihre musikwissenschaftlichen Bücher veröffentlicht sie unter ihrem eigentlichen Namen Eva Gesine Baur.

Montag, 23. Mai 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Alex Capus: „Léon und Louise“

Zwei junge Leute verlieben sich, aber der Krieg bringt sie auseinander: Das ist die Geschichte von Léon und Louise. Sie beginnt mit ihrer Begegnung im Ersten Weltkrieg in Frankreich an der Atlantikküste, doch dann trennt sie ein Fliegerangriff mit Gewalt. Sie halten einander für tot, Léon heiratet, Louise geht ihren eigenen Weg - bis sie sich 1928 zufällig in der Pariser Métro wiederbegegnen. Alex Capus erzählt mit wunderbarer Leichtigkeit und großer Intensität von der Liebe in einem Jahrhundert der Kriege, von diesem Paar, das gegen alle Konventionen an seiner Liebe festhält und ein eigensinniges, manchmal unerhört komisches Doppelleben führt. Die Geschichte einer großen Liebe, gelebt gegen die ganze Welt.

Alex Capus, geboren 1961 in der Normandie, 1966 Umzug nach Olten, wo er auch heute mit seiner Familie lebt. Ab 1980 Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie, 1986-1995 Tätigkeit als Journalist. 1994 veröffentlichte er seinen ersten Erzählungsband „Diese verfluchte Schwerkraft“, dem seitdem neun weitere Bücher mit Kurzgeschichten, Romanen und Reportagen folgten, die in über fünfzehn Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschienen „Patriarchen“ (Zehn Porträts, 2006), „Eine Frage der Zeit“ (Roman, 2007) und „Himmelsstürmer“ (Zwölf Porträts, 2008).

Alex Capus: Léon und Louise. Roman, 314 S., Hanser Verlag 2011, € 19,90

Dienstag, 10. Mai 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Zsuzsa Bánk: „Die hellen Tage“

In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt. Aber schon die scheinbar heile Welt ihrer Kindheit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, und Ajas Vater, der als Trapezkünstler in einem Zirkus arbeitet, kommt nur einmal im Jahr zu Besuch. Karl, der gemeinsame Freund der Mädchen, hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wieder gekommen ist.
Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen und Untiefen ihrer Kindheit lotsen und die ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und sich in seine Mitte zu begeben.
Zsuzsa Bánk erzählt die Geschichte dreier Familien und begleitet ihre jungen Helden durch ein halbes Leben: Als Seri, Karl und Aja zum Studium nach Rom gehen, wird die Stadt zum Wendepunkt ihrer Biografien – und zur Zerreissprobe für eine Freundschaft zwischen Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung.
Nach ihrem hochgelobten Debütroman »Der Schwimmer« schreibt Zsuzsa Bánk die bewegende Geschichte dreier Kinder, die den Weg ins Leben finden. »Die hellen Tage« ist ein großes Buch über Freundschaft und Verrat, Liebe und Lüge – über eine Vergangenheit, die erst allmählich ihre Geheimnisse enthüllt, und die Sekunden, die unser Leben für immer verändern.

Zsuzsa Bánk, geboren 1965, arbeitete als Buchhändlerin und studierte anschließend in Mainz und Washington Publizistik, Politikwissenschaft und Literatur. Heute lebt sie als Autorin mit ihrem Mann und zwei Kindern in Frankfurt am Main. Für ihren ersten Roman „Der Schwimmer“ (2003) wurde sie mit dem Aspekte-Literaturpreis, dem Deutschen Bücherpreis, dem Jürgen-Ponto-Preis, dem Mara-Cassens-Preis sowie dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Für die Erzählung „Unter Hunden“ erhielt sie den Bettina-von-Arnim-Preis.

Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage. Roman, 360  S.,  S. Fischer Verlag 2011,  € 21,95

Donnerstag, 5. Mai 2011
in der Buchhandlung zur Heide
in Zusammenarbeit mit dem Gay in May e.V.

Karen-Susan Fessel: „Leise Töne“

Im Rahmen der 33. schwul-lesbischen Kulturtage Osnabrücks „Gay in May“ wird am 4. Mai 2011 im Friedenssaal der Stadt Osnabrück der 20. Rosa Courage-Preis verliehen. Mit dieser Auszeichnung soll herausragendes Engagement für die Belange von Lesben und Schwulen gewürdigt werden. Wir freuen uns, dass aus diesem Anlass die diesjährige Preisträgerin ihren neuesten Roman im Rahmen des LITTERA-Programms vorstellen wird.

Visby, 1984: Marthe verreist das erste und einzige Mal in ihrer Kindheit, ihre Tante lädt sie ein auf die schwedische Ferieninsel Gotland. Die Tage dort schmecken nach Freiheit. Und eine besondere Erinnerung nimmt Marthe mit in die folgenden Jahre: das Bild der Klavierspielerin im Erdgeschoss der Pension und die sanft schwingenden Melodien ihres Spiels, die Marthe Abend für Abend in ihre Träume geleiten. Berlin, 1994: Marthe arbeitet inzwischen als Hilfskraft im Funkhaus und bekommt den Auftrag, eine Komponistin vom Flughafen abzuholen. Sie hat dunkle Haare und dunkelblaue Augen und etwas an sich, das Marthe sowohl fasziniert als auch irritiert. Aber bevor sie dem nachgehen kann, ist die Musikerin auch schon wieder verschwunden. Zwei Jahre später sieht Marthe sie wieder, und damit beginnt eine anregende, aufrührende und intensive Beziehung zwischen Marthe, dem Freigeist, und Ebba, der Ruhigen und Melancholischen. Bis Ebba von etwas eingeholt wird, das schon längst überwunden geglaubt schien. „Leise Töne“ ist ein Buch über Musikverständnis, über Einsam- und Gemeinsamkeit und das Leben auf Inseln, im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne. Karen-Susan Fessel erzählt von der Frage nach Schuld und Verantwortung, für sich selbst und für andere, von der Suche nach dem richtigen Platz und nicht zuletzt vom Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende.

Karen-Susan Fessel, geb.1964 in Lübeck, studierte Theaterwissenschaften, Germanistik und Romanistik und lebt als freie Journalistin und Schriftstellerin in Berlin. Sie hat bisher ein Dutzend Romane und Erzählbände für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geschrieben.

Karen-Susan Fessel: Leise Töne. Roman, 492 S., Querverlag 2010, € 19,90

Mittwoch, 13. April 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Peter Michalzik: „Heinrich von Kleist“

Heinrich von Kleist (1777 - 1811) gilt als der modernste Klassiker der deutschen Literatur. Sein Tod – der legendäre Selbstmord am Berliner Wannsee – jährt sich 2011 zum 200. Mal. Aus diesem Anlass legt der Frankfurter Publizist und Theaterkritiker Peter Michalzik eine neue Biographie vor, in der er einen überraschend frischen, unverstellten Blick auf den großen Dichter wirft.
Kleist, das notorisch verkannte Genie, war Seismograf einer Welt im Umbruch. Er war ein Mann der Extreme, kriegserprobter preußischer Offizier einerseits, Erfinder großer Frauenfiguren und einer herzerweichenden Sprache andererseits. Er hasste Napoleon und liebte das entstehende Deutschland. Er war Realist und Phantast, Unternehmer und Bankrotteur, Beamter und Journalist, immer wieder scheiternder Glückssucher und der einzige wirkliche Tragiker der deutschen Literatur.
Mit Hingabe und Präzision erzählt Peter Michalzik die Geschichte dieses kurzen, geheimnisumwitterten Lebens. Er berichtet klar und schnörkellos, was wir von Kleist wissen können, verzichtet auf Spekulationen und enthält sich jenes Pathos, das den Umgang mit Kleist bis heute prägt. Ein Buch, das der Modernität des großen Dichters gerecht wird.

Peter Michalzik, geboren 1963 in Landshut, ist Journalist, Theaterkritiker und Buchautor und lebt in Frankfurt am Main. Er arbeitet als Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Rundschau und schrieb Biographien über Gustaf Gründgens und Siegfried Unseld. Zuletzt erschien von ihm das Theaterbuch „Die sind ja nackt“. 

Peter Michalzik: Kleist - Dichter, Krieger, Seelensucher. Biografie, 560 S., Propyläen Verlag 2011, € 24,99

Dienstag, 5. April 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Jörg Thadeusz: „Die Sopranistin“

Mit großer sprachlicher Eleganz und auf der Basis genauer Kenntnis der Dinge zeichnet Jörg Thadeusz ein Szenario, das sich genau so in Deutschland abspielen könnte: Bei der Aftershow-Party anlässlich der Verleihung des Bruno-Fernsehpreises detoniert eine Bombe. Drei Menschen sterben, über 250 werden verletzt. Die Presse liefert schreckliche Bilder, und nicht nur die anwesenden Promis, sondern die ganze Nation ist entsetzt: Ist das der Terroranschlag der Islamisten, vor dem in Deutschland so lange gewarnt wurde?
Georg, der als Friseur in Washington D.C. zwar gutes Geld verdient, aber auch auf zu großem Fuße lebt, muss in Berlin seinen Onkel beerdigen. Er fliegt in ein hysterisches Deutschland, in dem die Medien unentwegt Bilder der furchtbaren Geschehnisse liefern und Politiker und Polizisten in Interviews schnelle Aufklärung versprechen. Eigentlich wollte er darüber nachdenken, wie er die Dinge ordnen und der Sopranistin Sofia einen Gefallen tun kann, doch jetzt wird er nicht zuletzt durch die erschreckenden Bilder des Anschlags in eine Zeit seines Lebens zurückversetzt, die er für immer aus seinem Kopf verbannen wollte. Und auch Sofia treiben ganz andere Dinge um, als Georg ahnt...

Jörg Thadeusz, geboren 1968, war zunächst Liegewagenschaffner und Rettungssanitäter, heute ist er Journalist, Moderator und Autor. Für seine Außenreportagen bei Zimmer frei erhielt er den Grimme-Preis. Er moderiert die Talksendung Thadeusz sowie mehrere Sendungen im RBB-Radio. Bisher erschienen von ihm: „Rette mich ein bisschen“ (2003),  „Alles ist schön“ (2004, damit auch bereits Gast des LITTERA-Programms) und 2008 gemeinsam mit Christine Westermann „Aufforderung zum Tanz. Eine Zweiergeschichte“. 

Jörg Thadeusz: Die Sopranistin. Roman, 192 S., Verlag Kiepenheuer & Witsch 2011, € 14,95

Montag, 21. März 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Einar Kárason und Kristof Magnusson: „Versöhnung und Groll“
zweisprachige Lesung mit Moderation durch den Übersetzer

Island, Mitte des 13. Jahrhunderts, in einer der kriegerischsten Zeiten, die das Land je erlebt hat: Der heimtückische Mord an Snorri Sturlusson, dem berühmten Politiker und Dichter, Autor der Edda und der Egils-Saga, hat bürgerkriegsähnliche Zustände entfacht. Brutale Gewalt und zerstörerische Machtkämpfe bestimmen das Bild, zwei verfeindete Familienclans stehen sich unversöhnlich gegenüber. Island ist nunmehr gespalten, wird von der norwegischen Krone regiert. Da reicht einer der vormaligen Kriegstreiber, Gissur Thorvaldsson, dem Clan der Sturlungen die Hand zum Frieden. Eine Heirat zwischen den beiden Parteien soll den Pakt besiegeln, soll dem Land die Einheit geben und der Bevölkerung bessere Lebensbedingungen verschaffen. Aber nicht alle, die zur Hochzeit kommen, sind einverstanden mit diesem Plan ...

Einar Kárason, geboren 1955, ist einer der wichtigsten Autoren der skandinavischen Gegenwart. Berühmt wurde er durch seine Trilogie „Die Teufelsinsel“, „Die Goldinsel“ sowie „Das Gelobte Land“. Von 1988 bis 1992 war er Vorsitzender des Isländischen Schriftstellerverbandes. Seit 1985 organisiert er als einer der Leiter das Literaturfestival von Reykjavik. Sein Roman „Sturmerprobt“ stand auf der Shortlist des Nordischen Literaturpreises. Für „Versöhnung und Groll“ erhielt er den Isländischen Literaturpreis. Kárason lebt in Reykjavík.

Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, machte eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und der Universität Reykjavik und lebt heute als freier Autor und Übersetzter in Berlin. Seine Komödien „Der totale Kick“ und „Männerhort“ wurden mit Erfolg aufgeführt, 2005 erschien Magnussons erster Roman „Zuhause“. 2010 war Magnusson mit seinen hoch gelobten Roman „Das war ich nicht“ bereits unser LITTERA-Gast.

Einar Kárason: Versöhnung und Groll. Roman, 192 S., btb Verlag 2011,  € 18,99

Montag, 24. Januar 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

„Ein Abend rund um Arno Schmidt und Zettel's Traum“
mit Susanne Fischer, Bernd Rauschenbach, Joachim Kersten und Friedrich Forssman

Vor 40 Jahren veröffentlichte Arno Schmidt sein wichtigstes Werk: 1334 DIN-A-3-Seiten stark, über zehn Kilogramm schwer und als Faksimile vervielfältigt. Schmidts eigene Befürchtung „Es wird sich nicht mehr setzen lassen“ hatte sich bewahrheitet. Vor dem komplexen Layout des dreispaltigen Romans mit seinen zahlreichen Randglossen kapitulierten Setzerei und Verlag. Nun endlich erscheint „Zettel's Traum“, das Werk, das Arno Schmidt auf einen Schlag berühmt machte, als gesetztes Buch. Jahrelange Arbeit von Setzern, Editoren und Korrektoren war nötig, um einen lesefreundlichen Schriftsatz herzustellen, ohne den Charakter des „Überbuchs“ (Arno Schmidt) zu verändern und seine Eigenheiten zu glätten. In der Veranstaltung lesen Joachim Kersten und Bernd Rauschenbach, beide im Vorstand der Arno Schmidt Stiftung, Auszüge aus dem Großroman. Die Lesung wird ergänzt mit einer Einführung in den Text von der Editorin Susanne Fischer und Erläuterungen zur Neuausgabe vom Buchgestalter Friedrich Forssman.

Mit dieser Ausgabe gilt es, einen Riesenroman neu zu entdecken: Er erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem alternden Schriftsteller Daniel Pagenstecher und der sechzehnjährigen Franziska Jacobi und von Leben und Werk Edgar Allan Poes. Er entwirft eine eigene Literaturtheorie in der Nachfolge Sigmund Freuds und entwickelt wie nebenbei eine neue Rechtschreibung, die zum Beispiel die wahren Eigenschaften eines „Pleas'-see=Rocks“ enthüllt. In „Zettel's Traum“ finden Arno Schmidts Bemühungen um eine moderne Prosaform und eine angemessene sprachliche Abbildung des menschlichen Bewusstseins ihren vorläufigen Höhepunkt.

Die „Bargfelder Ausgabe“ der Werke Arno Schmidts ist die verbindliche, textkritisch geprüfte Ausgabe seiner sämtlichen Texte. Sie wird von der Arno Schmidt Stiftung herausgegeben und vom Suhrkamp Verlag vertrieben. Die Ausgabe erscheint text-, seiten- und zeilenidentisch in drei verschiedenen Ausstattungen. Jeder Band enthält ein editorisches Nachwort und einen Varianten-Apparat. Die Arno Schmidt Stiftung wurde im November 1981 gegründet und ist Alleinerbin der Rechte am Gesamtwerk von Arno Schmidt.

Arno Schmidt, geboren am 18. Januar 1914 in Hamburg, starb am 3. Juni 1979 in Celle. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft arbeitete er als Übersetzer und Schriftsteller. Seit 1949 veröffentlichte Schmidt zahlreiche Erzählungen, literarische Radio-Essays und eine umfangreiche Fouque-Biographie (1958). Seit "Zettel's Traum" (1970) erschienen seine Prosawerke in großformatigen Typoskriptbänden.

Arno Schmidt: Zettel's Traum, ca. 1.530 S., ca. 7 kg, Suhrkamp Verlag 2010, Standardausgabe € 298,--, Studienausgabe 198,--, Vorzugsausgabe € 448,-- (jeweils Subskriptionspreise bis zum 31. Januar 2011)

Montag, 10. Januar 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Doron Rabinovici: „Andernorts“
in der Endauswahl für den Deutschen Buchpreis 2010

Weshalb polemisiert der israelische Kulturwissenschaftler Ethan Rosen gegen einen Artikel, den er selbst verfaßt hat? Erkennt er seinen eigenen Text nicht wieder? Oder ist er seinem Kollegen Klausinger in die Falle gegangen, mit dem er um eine Professur an der Wiener Universität konkurriert? Beide sind sie Koryphäen auf demselben Forschungsgebiet, und doch könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Rosen ist überall zu Hause und nirgends daheim. Selbst der Frau, die er liebt, stellt er sich unter falschem Namen vor. Klausinger wiederum ist Liebkind und Bastard zugleich. Er weiß sich jedem Ort anzupassen und ist trotzdem ruhelos: Was ihn treibt, ist die Suche nach seinem leiblichen Vater; sie führt ihn schließlich nach Israel und zu Ethan Rosen. Dessen Vater, ein alter Wiener Jude, der Auschwitz überlebte, braucht dringend eine neue Niere. Bald wird die Suche nach einem geeigneten Spenderorgan für die Angehörigen zur Obsession. 
Herkunft, Identität, Zugehörigkeit - darum wirbelt Doron Rabinovici in seinem neuen Roman die Verhältnisse in einer jüdischen Familie, deckt ihre alten Geheimnisse auf und beobachtet sie bei neuen Heimlichkeiten. Am Ende dieser packend erzählten Geschichte sind alle Gewißheiten beseitigt. Nur eines scheint sicher: Heimat ist jener Ort, wo einem am fremdesten zumute ist. „Rabinovici gelingt das Kunststück, seine Prosa unterhaltsam, elegant und leicht, zugleich aber auch ausgesprochen artifiziell, genial und mehrdeutig darzubieten.“ (Tages-Anzeiger Zürich)

Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren, lebt seit 1964 in Wien. Als Schriftsteller, Essayist und Historiker ist er Autor zahlreicher Bücher. Doron Rabinovici ist Träger verschiedener Auszeichnungen, u. a. dem Preis der Stadt Wien für Publizistik (2000), Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg (2002) Jean-Améry-Preis (2002). 

Doron Rabinovici: Andernorts. Roman, 285 S., Suhrkamp Verlag 2010, € 19,90

Freitag, 26. November 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Bundesweiter Vorlesetag
Lesungen mit Lieko Schulze, Florian Rzepkowski (Elm) und Lydia Bosse

Bereits zum siebten Mal findet der bundesweite Vorlesetag statt, bei dem jede und jeder, der Spaß am Vorlesen hat, an diesem Tag anderen vorliest. Aus diesem Anlass liest Lieko Schulze, Ensemble-Mitglied des OSKAR-Jugendtheaters der Städtischen Bühnen, mit Florian Rzepkowski, Regieassistent am Theater Osnabrück, und Buchhändlerin Lydia Bosse  in der Buchhandlung aus bekannten Kinderbüchern vor. Kinder zwischen 8 und 10 Jahren und ihre Begleitpersonen sind einzeln oder in Gruppen herzlich eingeladen, an den Lesungen mitzufiebern. Der Eintritt ist frei, Voranmeldung unter Tel. 0541/350 88 11.

Montag, 22. November 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Alina Bronsky: „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“
aufgenommen in die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2010

Am Anfang tut sie alles, um nicht Großmutter zu werden: Im Jahr 1978 ist Rosalinda wild entschlossen, die Schwangerschaft ihrer viel zu jungen und viel zu dummen Tochter zu beenden. Doch das misslingt, und sobald Aminat auf der Welt ist, entbrennt ein rücksichtsloser, grotesk-komischer Kampf um sie. Jenseits des Urals herrschen klare Verhältnisse: Die Tatarin Rosalinda bestimmt, ihr Gatte Kalganov spurt, und ihre Tochter Sulfia benimmt sich schlecht. Es mangelt an vielem, aber nicht an Ideen, und schon gar nicht an Willenskraft.
Es steht also immer etwas Scharfes auf dem Tisch, und alle größeren Malheurs, die Sulfia anrichten könnte, werden verhindert. Nur ihre Schwangerschaft nicht, und auch nicht die Geburt von Aminat, dem genauen Gegenteil ihrer Mutter: schön, schlau, durchsetzungsfähig - ganz die Großmutter eben. Rosalinda steht zum ersten Mal einem Geschöpf gegenüber, das ihr ebenbürtig ist, und wird die leidenschaftlichste Großmutter aller Zeiten. Im ungleichen Kampf zwischen der glücklosen Sulfia und der rücksichtslosen Rosalinda wird das Mädchen zur Wandertrophäe - und der Leser zum Zeugen haarsträubendster Ereignisse, komischster Szenen, schlagfertigster Dialoge.
Alina Bronsky lässt ihre radikale, selbstverliebte und komische Hauptfigur die Geschichte dreier Frauen erzählen, die unfreiwillig und unzertrennlich miteinander verbunden sind. In einem Ton, der unwiderstehlich ist führt sie die ungleichen Frauen durch drei Jahrzehnte und diverse Schicksalsschläge.

Alina Bronsky, geboren 1978 in Jekaterinburg/Russland, verbrachte ihre Kindheit auf der asiatischen Seite des Ural-Gebirges und ihre Jugend in Marburg und Darmstadt. Nach abgebrochenem Medizinstudium arbeitete sie als Texterin in einer Werbeagentur und als Redakteurin bei einer Tageszeitung. Sie lebt in Frankfurt und telefoniert bis heute fast täglich mit ihren Großeltern in Sibirien. Für ihre erste literarische Veröffentlichung „Scherbenpark“ erhielt sie von Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten Zuspruch.

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche. Roman, 317 S., Verlag Kiepenheuer & Witsch 2010, € 18,95

Dienstag, 16. November 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Thomas Hettche: „Die Liebe der Väter“
aufgenommen in die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2010

Peter hat eine Tochter, aber das Sorgerecht für sie hat er nicht. Annika war zwei, als er und ihre Mutter sich trennten. Seitdem gerät jede elterliche Absprache zum Machtkampf um die inzwischen dreizehnjährige Annika. Ein Silvesterurlaub auf Sylt wird für Vater und Tochter zur entscheidenden Probe auf ihre Liebe. Die Reise auf die Insel ist für den Verlagsvertreter Peter auch eine Rückkehr in Landschaften der Vergangenheit. Hier hat er die Sommer seiner Kindheit verbracht, als seine Mutter in einer Buchhandlung in Kampen arbeitete. Die Spaziergänge am Strand, die alte Kirche von Keitum, der Leuchtturm rufen Erinnerungen in ihm wach. Zum ersten Mal versucht er, seiner Tochter von sich zu erzählen. Er begegnet Susanne wieder, einer Freundin aus der Schulzeit, mittlerweile verheiratet und Mutter zweier Kinder. Und er muss erleben, dass er auf die Väter der scheinbar heilen Familien, die diese Ferien zusammen verbringen, wie ein Menetekel wirkt. Es ist die Zeit zwischen den Jahren, die Rauhnächte, in denen Tiere prechen können und die Tore der Geisterwelt offen stehen. „Die Wilde Jagd“ tobt um das Ferienhaus auf der Düne, ein Wintersturm. Und in der Silvesternacht, zusammen mit Freunden im „Sansibar“, steht plötzlich Peters gesamte Existenz auf dem Spiel. Atemlos folgt man seiner Stimme, die erzählt, was ihm geschieht - gegenwärtig, distanzlos, unmittelbar. Dieser Roman über die Schwierigkeit, heute Vater zu sein, ist Thomas Hettches persönlichstes Buch. Meisterhaft gelingt es ihm, die Atmosphäre des winterlichen Sylt mit einem Familiendrama zu verbinden, in dem es um die eigene Vergangenheit geht, die persönliche Integrität und eine gemeinsame Zukunft.

Thomas Hettche, geboren 1964 in Treis, studierte in Frankfurt Philosophie und Germanistik. Nach Stipendienaufenthalten u.a. in Krakau, Venedig, Stuttgart, Rom und Los Angeles lebt er mit seiner Familie in Berlin. Essayistische Veröffentlichungen vor allem in der FAZ und der Neuen Zürcher Zeitung. Er war fünf Jahre lang Juror des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt, ist Herausgeber der literarischen Online-Anthologie NULL und erhielt zahlreiche literarische Preise. Thomas Hettches erster Roman „Ludwig muss sterben“ erschien 1989, sein Kriminalroman „Der Fall Arbogast“ 2001 wurde in zehn Sprachen übersetzt. Zuletzt veröffentlichete er „Woraus wir gemacht sind“.

Thomas Hettche: Die Liebe der Väter, 223 S., Verlag Kiepenheuer & Witsch 2010, € 16,95

Dienstag, 9. November 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Emma Goldman: „Gelebtes Leben. Autobiografie“
szenische Lesung mit Marlen Breitinger

Emma Goldman, „die rote Emma“, war zu ihren Lebzeiten eine gleichermaßen verehrte wie gefürchtete Symbolfigur des Anarchismus. Sie wurde bekannt durch ihre Schriften, ihre Reden und ihre engagierten Kampagnen für die Rechte der Arbeiter, für Geburtenkontrolle, gegen die Wehrpflicht und für die Friedensbewegung. 1886 war sie im Alter von siebzehn Jahren aus Russland in die USA emigriert. Durch die Hinrichtung der Aufständischen vom Chicagoer Haymarket und die Begegnung mit Johann Most politisiert, erkannte sie bald ihr großes rhetorisches Talent und setzte es bei Vorträgen und Agitationsveranstaltungen ein, wo sie für verschiedenste Belange der Arbeiter und der Unterdrückten kämpfte. Sie wurde mehrere Male zu Gefängnisstrafen verurteilt und 1917, im Zuge der Anarchistenhetze und der Kriegsbegeisterung in der Gesellschaft, nach Russland deportiert, wo sie Zeugin der Auswirkungen der Russischen Revolution wurde. Enttäuscht von der diktatorischen Herrschaft der Bolschewiki, verbrachte sie einige Jahre in Frankreich, wo sie in den zwanziger Jahren ihre Autobiografie verfasste. 1936 nahm sie am Spanischen Bürgerkrieg teil. 2010 jährt sich Emma Goldmans Todestag zum 70. Mal.

„Eine starke, unabhängige Frau, die sich vom Korsett aller Konventionen befreite - eine großartige politische Autobiografie“ schreibt Ilija Trojanow in seinem Vorwort zu dieser Neuausgabe des Buches. Marlen Breitinger hat die Erstausgabe mit übersetzt, ist heute Ensemble-Mitglied des Theaterhofs Priessenthal und wird für die Lesung 70 Minuten lang die Rolle von Emma Goldman übernehmen.

Emma Goldman, geb. 1869, war Anarchistin, Revolutionärin, Agitatorin, Frauenrechtlerin und begegnete u.a. Sigmund Freud, Peter Kropotkin, Ernest Hemingway und Lenin. Neben ihrem Kampf für die Rechte Benachteiligter setzte sich sich auch für die „freie Liebe“ ein.1940 starb sie in Toronto.

Emma Goldman: Gelebtes Leben. Autobiografie, 926 S., Edition Nautilus 2010, € 34,90

Dienstag, 2. November 2010
im Garbo des Cinema-Arthouse

Michael Wilcke: „Der Bund der Hexenkinder“

Salzburg im Jahr 1658: In einer eisigen Nacht wird die schwangere Sybilla von ihrer Mutter in eine Kutsche gesteckt, die sie nach Rosenheim bringen soll. Bevor die Kutsche abfährt, raunt die Mutter ihr noch zu, dass ihr Kind des Teufels ist. Sybilla hingegen hat sich längst entschieden, für ihr Kind zu sorgen. Zwanzig Jahre später beschließt dieses Kind nach Salzburg zurückzukehren, um seine Mutter zu rächen.
Zwanzig Jahre später reist der junge Tagelöhner Robert in das Salzburger Land. Er befindet sich auf der Suche nach seinem Vater, dem er nie zuvor begegnet ist und den ein dunkles Geheimnis zu umgeben scheint. Bald schon gerät auch Robert in den Verdacht, er habe sich der Gemeinschaft des Zauberers angeschlossen, und er muss erfahren, dass ausgerechnet sein Vater bei den Verfolgungen dieser Hexenkinder eine wichtige Rolle spielt.
Der vierte historische Roman von Michael Wilcke spielt diesmal nicht in Osnabrück, sondern kreist um den historischen „Aufstand der Ausgestoßenen“ in Salzburg, die sich 1678 gegen die Willkür der Obrigkeit auflehnten. Anlass war die Jagd des Fürsterzbischof von Salzburg auf den berüchtigten „Zauberer-Jackl“, einen Vaganten, von dem behauptet wurde, er verführe zahlreiche Landstreicherkinder zum Bösen und lasse sie einen Bund mit dem Teufel schließen.

Michael Wilcke, Jahrgang 1970, lebt in der Nähe von Osnabrück und arbeitet als Mediengestalter bei einer Zeitung. Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschien von ihm bisher die Osnabrück-Romane „Hexentage“ und „Die Falcken Gottes“ sowie „Der Glasmaler und die Hure“.

Michael Wilcke: Der Bund der Hexenkinder. Roman, 409 S., Aufbau Taschenbuch Verlag 2010, € 9,95

Dienstag, 26. Oktober 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Peter Wawerzinek: „Rabenliebe“
in der Endauswahl für den Deutschen Buchpreis 2010

Über fünfzig Jahre quälte sich Peter Wawerzinek mit der Frage, warum seine Mutter ihn als Waise in der DDR zurückgelassen hatte. Dann fand und besuchte er sie. Das Ergebnis ist ein literarischer Sprengsatz, wie ihn die deutsche Literatur noch nicht zu bieten hatte. Ihre Abwesenheit war das schwarze Loch, der alles verschlingende Negativpol in Peter Wawerzineks Leben. Wie hatte seine Mutter es ihm antun können, ihn als Kleinkind in der DDR zurückzulassen, als sie in den Westen floh? Der Junge, herumgereicht in verschiedenen Kinderheimen, blieb stumm bis weit ins vierte Jahr, mied Menschen, lauschte lieber den Vögeln, ahmte ihren Gesang nach, auf dem Rücken liegend, tschilpend und tschirpend. Die Köchin des Heims wollte ihn adoptieren, ihr Mann wollte das nicht. Eine Handwerkerfamilie nahm ihn auf, gab ihn aber wieder ans Heim zurück.
Wo war Heimat? Wo seine Wurzeln? Wo gehörte er hin? Dass er auch eine Schwester hat, erfuhr er mit vierzehn. Im Heim hatte ihm niemand davon erzählt, auch später die ungeliebte Adoptionsmutter nicht. Als Grenzsoldat unternahm er einen Fluchtversuch Richtung Mutter in den Westen, kehrte aber, schon jenseits des Grenzzauns, auf halbem Weg wieder um. Wollte er sie, die ihn ausgestoßen und sich nie gemeldet hatte, wirklich wiedersehen?
Zeitlebens kämpfte Peter Wawerzinek mit seiner Mutterlosigkeit. Als er sie Jahre nach dem Mauerfall aufsuchte und mit ihr die acht Halbgeschwister, die alle in derselben Kleinstadt lebten, war das über die Jahrzehnte überlebensgroß gewordene Mutterbild der Wirklichkeit nicht gewachsen. Es blieb bei der einzigen Begegnung. Aber sie löste - nach jahrelanger Veröffentlichungspause - einen Schreibschub bei Peter Wawerzinek aus, in dem er sich das Trauma aus dem Leib schrieb: Über Jahre hinweg arbeitete er wie besessen an „Rabenliebe“, übersetzte das lebenslange Gefühl von Verlassenheit, Verlorenheit und Muttersehnsucht in ein großes Stück Literatur, das in der deutschsprachigen Literatur seinesgleichen noch nicht hatte.

Peter Wawerzinek wurde unter dem Namen Peter Runkel 1954 in Rostock geboren. Er wuchs in verschiedenen Heimen und bei verschiedenen Pflegefamilien auf. Seit 1988 ist er freier Schriftsteller, Regisseur, Hörspielautor und Sänger. 2010 gewann er in Klagenfurt mit einer Textprobe aus „Rabenliebe“ als ältester bisher Ausgezeichneter sowohl den Ingeborg-Bachmann-Preis als auch den Publikumspreis.

Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Roman, 304 S., Galiani Verlag 2010, € 22,95

Montag, 18. Oktober 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Daniel Glattauer: „Theo“

Theo ist der Neffe von Bestseller-Autor Daniel Glattauer. Bei seiner Geburt fasste sein Onkel den Entschluss, das Kind beim Älterwerden zu beobachten und zu beschreiben, wie es die Welt der Erwachsenen für sich erobert. Einmal jährlich erschienen Porträts des Ein-, Zwei- und Dreijährigen. Mit drei gab Theo sein erstes Exklusivinterview. Danach war bald klar, dass sein Mitteilungsbedürfnis noch lange nicht gestillt sein würde. Nach Theos vierzehntem Geburtstag wurden die Rollen getauscht und das gemeinsame Projekt würdig abgeschlossen: Theo führte ein Revanche-Interview mit Onkel Daniel. Eines der witzigsten, herzerwärmendsten Bücher, das je über Kinder geschrieben wurde.

Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, ist Autor und Journalist. Unter anderem verfasste er die Bücher „Die Ameisenzählung“, „Darum“, „Die Vögel brüllen“, „Der Weihnachtshund“. Mit seinen beiden letzten Romanen „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ gelangen ihm zwei Bestseller, die in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch als Hörspiel, Theaterstück und Hörbuch zum Erfolg wurden.

Daniel Glattauer: Theo. Antworten aus dem Kinderzimmer, 272 S., Deuticke Verlag 2010, € 14,90

Donnerstag, 30. September 2010
im Haus der Jugend
in Zusammenarbeit mit Soroptimist International, Club Osnabrück

Gabriele Hoffmann: „Der Kinderseele Flügel geben - Das Kinderbuch als therapeutisches Mittel“

Die These, dass der Mensch lesefähig zur Welt kommt, meint nicht, dass das ganz kleine Kind schon Buchstaben oder Texte entziffern kann, sondern dass es mit all seinen Sinnen die Welt erfasst. Beschädigungen im Laufe seiner Entwicklung können aber dazu führen, dass Erfahrungen nicht konstruktiv aufgenommen werden, sondern verschüttet werden oder zu Verkrümmungen führen. Deshalb brauchen Kinder symbolische Geschichten, die die Tür zu ihrer Seele offen halten oder wieder öffnen und ihnen Wege zeigen, um Gefühle und Haltungen wie Angst und Mut, Ohnmacht und Kraft, Trauer und Freude, Scham und Freiheit, Wut und Zärtlichkeit für sich als lebendigen Teil ihrer Persönlichkeit anzunehmen.

Gabriele Hoffmann wird in einem sehr anschaulichen Vortrag entsprechende Bücher für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen vorstellen, die aber auch für Erwachsene gleichermaßen beglückend sind. Sie wird Textstellen vorlesen und exemplarisch einige Bilder in ihrer symbolischen Bedeutung analysieren. Und sie wird Empfehlungen geben für eine Grundausstattung an Büchern, die sowohl in  familiären, erzieherischen und therapeutischen Räumen vielfältig zu nutzen sind. Aus dem Erlös der Veranstaltung soll der Krebsstiftung ein Bücherfundus für die therapeutische Arbeit mit Kindern zur Verfügung gestellt werden.

Gabriele Hoffmann ist Diplom-Pädagogin, Buchhändlerin, Dozentin und Rezensentin. Seit 1968 im Buchhandel tätig, spezialisierte sie sich 1974 auf den Bereich Kinder- und Jugendbuch. 1980 gründete sie „Leanders Leseladen“. Seit über 25 Jahren hält sie zusaätzlich Vorträge und Fortbildungs-Seminare für Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und BuchhändlerInnen. Außerdem verleiht sie seit 2000 den Kinderbuchpreis „Heidelberger Leander“ an Autorinnen und Autoren zeitgenössischer Kinderbuchklassiker, ist Initiatorin und Leiterin der Heidelberger Kinderbuch-Seminare und Gründerin und Vorsitzende des Vereins LeseLeben e.V. zur Förderung der Sprach- und Lesekultur bei Kindern.

Montag, 6. September 2010, 20.30 Uhr
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Ina Rudolph: „Bei den Brunettis zu Gast“
kulinarische Lesung mit einem italienischen 5-Gänge-Menü

Die Schauspielerin Ina Rudolph hat zu dem im Diogenes Verlag erschienenen Buch „Bei den Brunettis zu Gast“ von Donna Leon und ihrer Köchin Roberta Pianaro ein Programm erarbeitet, in dem sie Texte zu Venedig und aus den Krimis der Autorin vorträgt. Dazwischen wird ein italienisches Essen serviert, natürlich auch mit in dem Buch beschriebenen Rezepten. Man spürt das einzigartige Flair von Venedig, wenn Donna Leon über ihre Herkunft, die Geheimnisse italienischer Kochkunst und ihr Leben in der Lagunenstadt erzählt. Die Teilnehmer folgen dem Duft von frischem Obst beim Schlendern über den Rialtomarkt, hören den Geheimtipp von Capitano Alberto über die Zubereitung von Fisch; und die Gerichte, die Brunettis Frau Paola kocht, lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Freuen Sie sich auf einen heiteren und leckeren Abend!

Ina Rudolph wurde 1969 in Brandenburg geboren, absolvierte von 1985 bis 1989 ein Studium der Schauspielkunst und danach ein Gesangstudium. Sie stand in Serien wie „In aller Freundschaft“, „Tatort“ oder „Wilsberg“ vor der Kamera. Mit Armin Müller-Stahl drehte sie den Film „Dem kühlen Morgen entgegen“. 2008 arbeitete sie auch als Regisseurin und inszenierte in der Theaterreihe „Liebe ist!“ das Stück „Tageszeiten der Liebe“ von Darius Niccodemi.2008 erschien ihr Erzählband „Sommerkuss“. 

Roberta Pianaro/Donna Leon: Bei den Brunettis zu Gast. Rezepte und kulinarische Geschichten, 287 S., Diogenes Verlag 2009, € 22,90

Dienstag, 22. Juni 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Reinhold Joppich: „Erich Maria Remarque: Das gelobte Land“

Erich Maria Remarque wollte seinen letzten Exil-Roman "Das gelobte Land"
(gemeint sind die USA) nennen. Ein Jahr vor seinem Tod begann er mit der
Niederschrift seines allerletzten Werkes, die er aber nicht mehr zu Ende führen konnte. Statt dessen lektorierte seine Witwe Paulette Goddard eine frühere Manuskriptfassung und ließ sie unter dem Titel "Schatten im Paradies" 1971 veröffentlichen, gegen den Willen des am 25.9.1970 verstorbenen Autors. Die von Remarque begonnene Neufassung ist literarisch wesentlich überzeugender, die Charaktere schärfer gefasst, die US-Satire über den Kunstmarkt brillanter gestaltet und die Emigrantenschicksale im "gelobten Land" in ihren ernsten und komödiantischen Elementen vertieft. In den erhaltenen Notizen für den Schluss des Romans wird die Frage der Rückkehr der Hauptfigur in das Deutschland des Vergessens und des Verdrängens dramatisch zugespitzt. Die eigentliche Trägodie vollzieht sich nach der Rückkehr aus dem Exil!

Mit der Lesung setzt die Buchhandlung zur Heide die Vorstellung der Werke des weltbekannten Osnabrücker Autors fort. Ergänzt wird diese gemeinsame Veranstaltung mit der Erich Maria Remarque Gesellschaft e.V. durch eine Einführung und Kommentare von Prof. Dr. Tilman Westphalen, dem Mitherausgeber der Neuausgabe des Gesamtwerkes von Remarque.

Reinhold Joppich, geb. 1949, ist Vertriebs- und Verkaufsleiter des Kölner
Verlages Kiepenheuer & Witsch. Neben seiner Berufstätigkeit hat er sich dank
profunder Literaturkenntnisse und wegen seines großen Vortragstalents einen
Namen als gefragter und beliebter Vorleser gemacht.

Erich Maria Remarque: Das gelobte Land. Roman,Verlag Kiepenheuer & Witsch 2010, € 9,95

Dienstag, 8. Juni 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Harald Keller: „Ein schöner Tag für den Tod. Nordholland-Krimi mit Rezepten“

Die Küstenregion Nordholland ist eigentlich eine ruhige Gegend zum entspannten Urlauben. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse: Ein in Flammen stehender Cadillac, eine umherirrende Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat, und eine männliche Leiche in einem alten Wehrmachtsbunker bescheren dem leitenden Ermittler Van Barenveld, der sich bewusst aus dem drogenverseuchten und verrohten Amsterdam an die Küste versetzen ließ, einen arbeitsreichen Einstieg in Den Helder. Als sich auch noch Kokainspuren im Umfeld des Cadillac finden, führt Van Barenveld die Spur zurück nach Amsterdam ...

"Endlich ein Krimi, in dem es Journalisten gibt, die nicht gewissenlos, saudumm oder aber viel klüger sind, als die Polizei erlaubt ... die Leser merken sofort, der Autor kennt sich aus." (Frankfurter Rundschau)

Harald Keller studierte Literatur-, Medien- und Kunstwissenschaften und schreibt als freier Autor u. a. für die FAZ, Berliner Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger, Neue Osnabrücker Zeitung sowie für Fachpublikationen. Er lebt in Osnabrück. Nach diversen Sachbüchern, zuletzt "Die Geschichte der Talkshow in Deutschland" (2009), veröffentlichte er mit seinen ersten Kriminalroman. Eine Fortsetzung ist in Vorbereitung.

Harald Keller: Ein schöner Tag für den Tod. Kriminalroman, 363 S., Oktober Verlag 2009, € 14,--

Donnerstag, 27. Mai 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Alissa Walser: „Am Anfang war die Nacht Musik“

Als Franz Anton Mesmer das blinde Mädchen Maria Theresia Paradis in sein magnetisches Spital aufnimmt, ist sie zuvor von unzähligen Ärzten beinahe zu Tode kuriert worden. Mesmer ist überzeugt, ihr endlich helfen zu können, und hofft insgeheim, durch diesen spektakulären Fall die ersehnte Anerkennung der akademischen Gesellschaften zu erlangen. Auch über ihre gemeinsame tiefe Liebe zur Musik lernen Arzt und Patientin einander verstehen, und bald gibt es erste Heilerfolge ... In ihrer hochmusikalischen Sprache nimmt Alissa Walser die Leser mit auf eine einzigartige literarische Reise. Ein Roman von bestrickender Schönheit über Krankheit und Gesundheit, über Musik und Wissenschaft, über die fünf Sinne, über Männer und Frauen oder ganz einfach über das Menschsein.

Alissa Walser, 1961 geboren, Studium der Malerei in New York und Wien, Übersetzungen aus dem Englischen (Theaterstücke u. a. von Albee, Oates und "Die Tagebücher" von Silvia Plath), lebt in Frankfurt am Main. 1992 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis und den Bettina-von-Arnim-Preis.

Alissa Walser: Am Anfang war die Nacht Musik. Roman, 252 S., Piper Verlag 2010, € 19,95

Montag, 17. Mai 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Kristof Magnusson: „Das war ich nicht“

Jasper Lüdemann hat es geschafft. Er ist aus dem Back Office in den Händlersaal der großen Investmentbank in Chicago aufgestiegen, Desk 3, Futures und Optionen. Jetzt kann er zeigen, was in ihm steckt. Privatleben ist abgemeldet. Zwischen dreißig und vierzig muss man für die Karriere brennen. Meike ist Übersetzerin. Der Bestsellerautor Henry LaMarck ist »ihr« Autor, ihre Existenzgrundlage. Den versprochenen großen Roman hat er nicht abgeliefert und ist auch nicht erreichbar. Um ihn zu finden, ist sie in Chicago. Henry LaMarck ist von der Verlagsparty zu seinem sechzigsten Geburtstag abgehauen und in einem Hotel untergetaucht. Er kann nicht mehr schreiben, er ist einsam, aber er hat sich verliebt. In ein Foto von einem jungen Banker, der verzweifelt auf die fallenden Kurse starrt. Fallende Kurse. Seit Jasper Meike in einem Cafe getroffen hat, brennt er für sie. Um ihr zu imponieren, zeigt er ihr, wie man Geschäfte macht. Er kauft Optionen ohne Kundenvollmacht. Erst macht er Gewinn. Dann Verluste, existenzgefährdende Verluste. Eine aussichtslose Lage, bis er Henry LaMarck begegnet.

»Das war ich nicht« erzählt von drei Menschen, deren Leben durch Zufall in eine abenteuerliche Abhängigkeit gerät. Und gäbe es nicht die Möglichkeit der Liebe, vielleicht auch ihre Unmöglichkeit, die dem Leben eine andere, unvermutete Wendung gibt, wer weiß, ob sich ein Ausweg finden würde. Eine Bank, ein Leben ist schnell ruiniert. Das ist das Erschreckende, aber auch das Komische an diesem Roman von Kristof Magnusson, der eine große Spannung entfaltet und unvergessliche Charaktere schafft.

Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, machte eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und der Universität Reykjavik und lebt heute als freier Autor und Übersetzter in Berlin. Seine Komödien "Der totale Kick" und "Männerhort" wurden mit Erfolg aufgeführt, 2005 erschien Magnussons erster Roman "Zuhause".

Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Roman, 285 S., Kunstmann Verlag 2010, € 19,90

Dienstag, 4. Mai 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Moritz Rinke: „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“

Worpswas? - Worpswede! Stammt das angebissene Stück Butterkuchen im Tiefkühlschrank tatsächlich von Willy Brandt? Kann ein toter Onkel noch ein Kind zeugen? Wurde die schöne Kommunistin Marie von der Gestapo abgeholt oder von der eigenen Familie im Teufelsmoor vergraben? Und wie werden die Seelen der Menschen aufbewahrt? Ausgerechnet als Paul Wendland in Berlin mit seinem Leben und seinen kuriosen Kunstprojekten in die Zukunft starten will, holt ihn die Vergangenheit ein. In Worpswede drohen das geschichtsträchtige Haus seines Großvaters und sein Erbe im Moor zu versinken - samt lebensgroßen Bronzestatuen von Luther über Bismarck bis zu Max Schmeling und Ringo Starr.
Die Reise zurück an den Ort der Kindheit zwischen mörderischem Teufelsmoor, norddeutschem Butterkuchen und traditionsumwitterter Künstlerkolonie nimmt eine verhängnisvolle Wendung. Vergessen geglaubte Familienfragen, aus dem Moor steigende historische Gestalten und die skurrile Begegnung mit einem mysteriösen Vergangenheitsforscher spülen ein ungeheuerliches Geflecht an Lügen und Geheimnissen aus einem ganzen Jahrhundert an die Oberfläche.
Moritz Rinke legt ein furioses Romandebüt vor und rührt sanft, aber vollkommen anarchisch und mit einer umwerfenden Tragikomik an die Lebensmotive, die Geschlechter-, Generations- und Identitätskonflikte seiner Figuren und ihre seelischen Abgründe. Er erzählt vom Künstlerleben, von Ruhm, Verführung und Vergänglichkeit und von einem Dorf im Norden, das berühmt ist für seinen Himmel und das flache Land - und überzeugt als raffinierter Komponist einer überschäumenden, irrwitzigen Realität.

Moritz Rinke, geboren 1967 in Worpswede, studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Gleichzeitig schrieb er Kolumnen und Reportagen. Von 1994 bis 1996 arbeitete er als Volontär, anschließend als Redakteur beim Berliner Tagesspiegel. Moritz Rinke lebt als freier Autor in Berlin.

Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Roman, 496 S., Verlag Kiepenheur & Witsch 2010, € 19,95

Dienstag, 27. April 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Barbara Beuys: „Sophie Scholl“

Sophie Scholl (1921-1943) ist eine Ikone der deutschen Geschichte. Mit Flugblättern hatte sie es gewagt, die verbrecherische Politik Adolf Hitlers anzuklagen. Doch ihr Weg von der jugendlichen NS-Führerin zur entschiedenen Gegnerin des Nationalsozialismus war länger, widersprüchlicher und differenzierter als bisher dargestellt. Barbara Beuys hat Hunderte bisher unbekannte Dokumente gesichtet, die das Rückgrat der ersten umfassenden Biografie über Sophie Scholl bilden. Eingebettet in die farbige, historisch präzise Schilderung der Nazi-Herrschaft beschreibt sie meisterhaft die ganze Lebensspanne der Widerstandskämpferin der Weißen Rose.

Barbara Beuys wurde im Todesjahr von Sophie Scholl geboren und studierte Geschichte, Philosophie und Soziologie in Köln. Nach ihrer Promotion zum Dr. phil. arbeitete sie als Redakteurin u.a. beim STERN, bei MERIAN und der ZEIT. Heute lebt Barbara Beuys in Köln als freie Autorin, die mit ihren sorgfältig recherchierten und zugleich verständlich geschriebenen Biografien regelmäßig großen Zuspruch sowohl vom Lesepublikum als auch von Seiten der Kritiker findet. Mit ihren großen Darstellungen zu Annette von Droste-Hülshoff und Paula Becker-Modersohn war sie bereits Gast im LITTERA-Programm.

Barbara Beuys: Sophie Scholl. Biografie, 493 S. mit Fotos, Hanser Verlag 2010, € 24,90

Montag, 12. April 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Iris Hanika: „Das Eigentliche“

Das Eigentliche ist für jeden etwas anderes. Für Hans Frambach sind es die Verbrechen der Nazizeit, an denen er leidet, seit er denken kann. Darum ist er Archivar im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung geworden; nur fragt er sich, ob es nicht an der Zeit für eine andere Arbeit wäre. Auch für seine beste Freundin Graziela stand die Fassungslosigkeit über diese Vergangenheit im Mittelpunkt bis sie einen Mann kennenlernte, der sie begehrte, und fortan die Begegnung der Geschlechter im Fleische für das Eigentliche hielt; ein Konzept, an dem sie nun zweifelt. Aber kann man den Nationalsozialismus für alles verantwortlich machen? Eigentlich ist es doch ihre Unfähigkeit zum Glück, die Hans und Graziela zu so wunderlichen Gestalten macht.
Zugleich hat auch der Staat, in dem sie leben, sein Eigentliches. Es ist das unausgesetzte Bemühen um Harmlosigkeit seiner Repräsentanten, das allen voran die Bundeskanzlerin vorführt, wenn sie jede Woche übers Internet zu uns spricht.
Ein Roman über das deutsche Leiden an der Nazi-Vergangenheit, ganz und gar kein historischer Roman also, sondern einer über das Heute. Woher dieses Leiden rührt, ist bestens bekannt, seine Äußerungsformen jedoch sind vielfältig. Darum ist dies zugleich ein Roman über die mittleren Jahre des Lebens, über die Zeit, wenn die Gewissheit abhanden gekommen ist, dass man auf dem richtigen Weg durch die Welt geht, und es ist ein Roman über die Einsamkeit ebenso wie über die Freundschaft. Iris Hanika zeigt, wie die Verbrechen der Nazizeit uns bis heute in ihren Klauen halten, und übersieht dabei nicht, zu welchen Absurditäten die Professionalisierung des Gedenkens führt. Eigentlich ist unsere Hilflosigkeit angesichts dieser Verbrechen das Eigentliche.

Iris Hanika, geboren 1962 in Würzburg, lebt seit 1979 in Berlin. Nach Abschluss ihres Studiums der Literaturwissenschaften war sie seit 1989 feste Mitarbeiterin der Berliner Seiten der »FAZ« und führte eine Chronik im »Merkur«. 2006 erhielt Iris Hanika den Hans Fallada Preis, 2008 wurde sie mit ihrem ersten Roman "Treffen sich zwei" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises platziert.

Iris Hanika: Das Eigentliche. Roman, 176 S., Droschl Literaturverlag 2010, € 19,--

Dienstag, 16. März 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Andreas Mussenbrock: „Termin mit Kant. Philosophische Lebensberatung“

Wie kann man die Ideen der großen Denker für die konkreten Probleme des täglichen Lebens nutzen? Präsentiert werden vier Beispielgeschichten von Menschen, die nach Sinn und Orientierung suchen, unter Einsamkeit, Unzufriedenheit oder einem diffusen Zorn leiden, Angst vor der Zukunft haben. Anhand der Fallbeispiele werden die Hauptideen großer Philosophen daraufhin beleuchtet, was sie zur Lösung des jeweiligen Problems beitragen können. Die Lösungswege sind sehr einleuchtend und bieten eine Fülle von alltagstauglichen Denkanstößen.

"In der philosophischen Lebensberatung geht es um ganz praktische Hilfe, dieses Schwarze Loch in der Seele, dieses Vakuum im Herzen zu überwinden. Das philosophische Gespräch bietet dem Gast ein Forum, seine Nöte, Ängste und Sorgen allererst einmal auszusprechen, langsam seine Gefühle und Gedanken Wort werden zu lassen."

Dr. Andreas Mussenbrock wurde 1962 geboren und studierte Philosophie, Indologie, Politikwissenschaften und Publizistik an der Universität Münster. Promotion in Philosophie mit einer Arbeit über Parmenides. Er ist Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP) und betreibt seit 2002 eine eigene Philosophische Praxis in Münster.

Andreas Mussenbrock: Termin mit Kant. Philosophische  Lebensberatung, 224  S., Deutscher Taschenbuch Verlag 2010, € 9,90

Montag, 1. März 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Arno Geiger: „Alles über Sally“

Alfred und Sally sind schon reichlich lange verheiratet. Das Leben geht seinen Gang, allzu ruhig, wenn man Sally fragt. Als Einbrecher ihr Vorstadthaus in Wien heimsuchen, ist plötzlich nicht nur die häusliche Ordnung dahin: In einem Anfall von trotzigem Lebenshunger beginnt Sally ein Verhältnis mit Alfreds bestem Freund. Und Alfred stellt sich endlich die entscheidende Frage: Was weiß ich von dieser Frau, nach dreißig gemeinsamen Jahren? Arno Geiger, der international gefeierte erste Träger des Deutschen Buchpreises 2005, erzählt mit souveräner Realistik und komischer Härte die Geschichte einer großen Liebe. Ein umwerfender Roman über den Ehebruch im Zeitalter der sexuellen Freimaurerei.

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller. 1986 bis 2002 war er im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm Arno Geiger am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem "Johann-Peter-Hebel-Preis" geehrt.

Arno Geiger: Alles über Sally. Roman, 363 S., Hanser Verlag 2010, € 21,50

Montag, 8. Februar 2010
in der OsnabrückHalle

Herta Müller: „Atemschaukel“

Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. "Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C." So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller von dem Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. In Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden hat sie den Stoff gesammelt, den sie nun zu einem großen neuen Roman geformt hat. Ihr gelingt es, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.

Herta Müller, 1953 geboren im deutschsprachigen Nitzkydorf/Rumänien, studierte 1973 - 1976 deutsche und rumänische Philologie in Temeswar. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Sie wurde entlassen, weil sie sich weigerte für den rumänischen Geheimdienst Securitate zu arbeiten. Ihr erstes Buch Niederungen lag danach vier Jahre beim Verlag und wurde 1982 nur zensiert veröffentlicht. 1984 erschien es in der Originalfassung in Deutschland. Herta Müller konnte danach in Rumänien nicht mehr veröffentlichen und war immer wieder Verhören, Hausdurchsuchungen und Bedrohungen durch die Securitate ausgesetzt. 1987 Übersiedlung nach Deutschland. 1989 - 2001 Gastprofessuren an Universitäten in England, Amerika, Schweiz und Deutschland. Seit 1995 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Neben dem Nobelpreis erhielt Herta Müller zahlreiche weitere literarische Auszeichnungen. Sie lebt in Berlin.

Herta Müller: Atemschaukel. Roman, 304 S., Hanser Verlag 2009, € 19,90

Dienstag, 19. Januar 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Norbert Zähringer: „Einer von vielen“

Mit einem Beben fängt alles an, am 1. September 1923, mitten in der Mojave-Wüste. Die Erde wankt, der Putz fällt von der Decke, Tassen stürzen vom Küchenbüffet. Hinein in dieses Chaos wird Edison Frimm geboren. Am selben Tag kommt in einem Berliner Mietshaus, rund 10 000 Kilometer weiter westlich, Siegfried zur Welt, und weil auch er in schwierige Zeiten, nämlich die Rezession der Weimarer Republik, geworfen ist, bettet
man ihn auf rund fünf Millionen Reichmark billiger als auf Heu. Noch am Abend wird sein Vater, ein Nationalsozialist der ersten Stunde, erschossen. So nimmt eine Jahrzehnte umspannende Kriminalgechichte ihren Lauf – und es beginnen zwei ungleiche
Lebenswege, die sich später, im kriegsverdunkelten Himmel über Berlin, kreuzen werden.
Von der Ironie der Geschichte, ihrem Motor, dem Zufall, von Kriegen, großen Katastrophen und kleinen Dramen erzählt Norbert Zähringer in seinem neuen Roman. Voller Sympathie für die kleinen Leute und ihre Geschichten schlägt er abenteuerliche
Volten und baut überraschende Brücken zwischen Historie und Gegenwart, zwischen Amerika und Deutschland.

Norbert Zähringer, 1967 in Stuttgart geboren, wuchs in Wiesbaden auf und lebt mit seiner Familie in Berlin. 2001 erschien sein Romandebüt So, das gefeiert wurde als „eines der komischsten, schrägsten und absurdesten Debüts der letzten Jahre“ und „unterhaltsame, souveräne, mit einem Wort: prächtige Literatur“. 2006 veröffentlichte
er Als ich schlief.

Norbert Zähringer: Einer von vielen. Roman, 486 S., Rowohlt Verlag 2009, € 22,90

Mittwoch, 18. November 2009
im Haus der Volkshochschule Osnabrück, Bergstr. 8
in Zusammenarbeit mit der VHS Osnabrück

Ulrike Müller: „Bauhaus-Frauen: Meisterinnen in Kunst, Handwerk, Fotografie und Design“

Damit hatte Direktor Walter Gropius nicht gerechnet: Das 1919 gegründete Staatliche Bauhaus - ein Anziehungspunkt für junge, unkonventionelle Frauen! Architektinnen, Bildhauerinnen, Keramikerinnen, Möbelgestalterinnen, später auch Fotografinnen wollten sie werden. Versprochen hatte Gropius "absolute Gleichberechtigung", schickte die Studentinnen aber zunächst nur in die Textilwerkstätten. Doch Weben reichte ihnen nicht, auch wenn sie es mit Leidenschaft taten. Gegen den Widerstand einiger Bauhausmeister brachen sie in die Domänen ihrer männlichen Kommilitonen ein und schufen auch hier Herausragendes. Ihre Arbeiten haben wesentlich dazu beigetragen, dass das modernes Bauhaus-Design im 20. Jahrhundert die Welt eroberte.
Die Weimarer Kulturwissenschaftlerin Dr. Ulrike Müller porträtiert im Vortrag einige dieser Frauen wie die Weberin Gunta Stölzl, die Metallgestalterin Marianne Brandt, die Fotografinnen Lucia Moholy und Grete Stern und stellt ihr Leben und Schaffen vor.

Dr. Ulrike Müller lebt in Weimar und ist Autorin, Musikerin und Ausstellungsmacherin. Sie promovierte über Else-Lasker-Schüler und veröffentlichte zahlreiche Essays und Artikel zu Kulturgeschichte und Literatur. Neben ihrer Arbeit als Herausgeberin veröffentlichte sie zuletzt den Bildband Die klugen Frauen von Weimar (2007).

Ulrike Müller: Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk, Fotografie und Design, 152 S., Elisabeth Sandmann Verlag 2009, € 29,95

Donnerstag, 12. November 2009
in der Buchhandlung zur Heide
in Zusammenarbeit mit der VHS Osnabrück und der Hans Calmeyer-Initiative e.V.

Peter Niebaum: „Hans Calmeyer – ein „anderer“ Deutscher im 20. Jahrhundert“

Peter Niebaum erhält am 3. November die Bürger-Medaille der Stadt Osnabrück verliehen, vor allem für seine langjährigen und hartnäckigen biografischen Bemühungen um den Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer. Inzwischen ist eine neue Kurzbiografie, die Grundlage einer Übersetzung ins Englische sein wird, fast fertig. Aus diesem - noch nicht publizierten - Manuskript wird Peter Niebaum ausgewählte Kapitel vortragen. Eine Aussprache soll sich anschließen.

Die Lesung findet statt als Bestandteil des Rahmenprogramms zum diesjährigen
9. November in der Stadt Osnabrück. 

Dienstag, 10. November 2009
in der Buchhandlung zur Heide

Thomas von Steinaecker: „Schutzgebiet“

1913. In der abgeschiedenen Festung Benesi in der deutsch-afrikanischen Kolonie Tola hat das Schicksal eine bunte Schar glücksuchender Auswanderer zusammengewürfelt: Den Holzhändler Gerber, den die Hoffnung auf neue Reichtümer in diese gottverlassene Gegend geführt hat. Seine Schwester, die schöne und geheimnisvolle Käthe, der nach einer Scheidung die Rückkehr nach Deutschland unmöglich ist. Schirach, den strammen Offizier, der aus seiner kleinen schwarzen Schutztruppe ein preußisches Heer machen will. Den drogensüchtigen Arzt Dr. Brückner sowie den Forscher Lautenschlager, der mit Tropenhelm und Plattenkamera nach unbekannten Eingeborenenstämmen sucht. Inmitten dieses Ensembles steht Henry, ein Schiffbrüchiger. Ein Sohn reicher Eltern ist er, doch öffnet ihm das hier, so fern der Heimat, keine Türen. Er muss seinem Schicksal auf die Sprünge helfen, und nimmt die Identität seines Chefs an, der bei dem Schiffsunglück ums Leben kommt. Unter fremdem Namen plant er als Architekt die Stadt, die in der Steppe entstehen soll, ein wahrlich chaotisches Unterfangen.

Thomas von Steinaecker, geboren 1977 in Traunstein, lebt in München. Er studierte
Literaturwissenschaft in München und Cincinatti und promovierte über literarische Foto-Texte. Sein Debüt Wallner beginnt zu fliegen wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt und dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. 2008 erschien der Roman Geister, über den der Literaturkritiker Elmar Krekeler urteilte: "Dass Steinaecker einer der wagemutigsten, wachsten und konsequentesten Formexperimentatoren seiner Generation ist, hat er ... auch mit diesem Buch wieder unter Beweis gestellt."

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet. Roman, 388 S., Frankfurter Verlagsanstalt 2009, € 19,90

Montag, 19. Oktober 2009

Tobias Lehmkuhl und das Art of Blue-Ensemble
„Coolness. Über Miles Davis“
Literatur und Musik im BlueNote des Cinema-Arthouse

"Für mich geht's in der Musik und im Leben immer nur um Stil." Miles Davis war cool - so cool, dass ihm das Publikum sogar verzieh, wenn er mit seiner Trompete auf das Schlagzeug zielte. Das ging nur, wenn er seinen Zuhörern den Rücken zukehrte. In den 1950er Jahren ein Skandal! Als die Zeitschrift Time eine Titelstory über ihn machen wollte, lehnte er ab: "Ist bei euch Neger-Woche, oder was?!" Seine Trompete konnte wie geeist klingen, sein Ton klar und fest, mitunter scharf und durchdringend, scheinbar unangreifbar. Zugleich aber spielte er die zartesten Melodien, blies Balladen so rein und schlicht, dass einem die Tränen kamen. Doch nicht nur seine Musik, Miles Davis selbst galt Zeit seines Lebens als Inbegriff des Coolen. Niemand hat den Gestus schwarzer Selbstbehauptung und das Bild unermüdlicher Schöpferkraft so gut verkörpert wie er.

Tobias Lehmkuhl, geb. 1976, wuchs in Bissendorf bei Osnabrück auf. Er studierte Literaturwissenschaft und Romanistik in Bonn, Barcelona und Berlin. Dort arbeitet er seit 2002 als freier Journalist, schreibt Radio-Features, Reportagen, Essays und Kritiken, letztere vor allem für die "Süddeutsche Zeitung". Er erkundet musikalisch und biografisch, wie sich "die coole Pose" in Davis' Freundschaften und Feindschaften, seinen Liebesbeziehungen, Vorlieben, Hobbys und Abneigungen, in seinen politischen und ästhetischen Anschauungen, seiner Art aufzutreten und aufzuspielen manifestiert hat: "Cool ist, wer das Letzte aus sich herausholt - und dabei am Ende noch die Kontrolle behält ... Nur weil Miles Davis sich beherrscht (cool ist), kann das Publikum sich ganz der Musik hingeben."

Die musikalische Gestaltung des Abends übernimmt das Art of Blue-Ensemble um den Trompeter Matze Schwengler und den Saxophonisten Markus Kröger mit Robert Kantor/Piano, Artjom Gillung/ Kontrabass und Piet Wagner/Schlagzeug. Die Musiker des Ensembles studieren im Jazzstudienprogramm der Fachhochschule Osnabrück. Die Band wird ausgewählte Originalkompositionen Miles Davis’ aus den 50-er/60-er Jahren des 20. Jahrhunderts - also genau jener Epoche, in der Miles Davis in enger Zusammenarbeit mit Saxophonisten wie Cannonball Adderley, John Coltrane und Wayne Shorter zu seinem unverkennbaren Improvisations- und Kompositionsstil fand - spielen.

Tobias Lehmkuhl: Coolness. Über Miles Davis, 176 S., Rogner & Bernhard 2009, € 16,90

Donnerstag, 8. Oktober 2009
Buchvorstellung mit Diskussion in der Buchhandlung zur Heide
in Kooperation mit der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft e.V., Regionalgruppe Osnabrück, und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Osnabrück e.V.

Bettina Marx: „Gaza. Bericht aus einem Land ohne Hoffnung“

Die Bombardierung des Gazastreifens zu Beginn des Jahres 2009 hat fast 1.400
Menschen das Leben gekostet, darunter waren hunderte Kinder. Zwar weisen
israelische Militärsprecher Schuldvorwürfe gegen ihre Aktionen zurück, aber: Wo hätte sich die Bevölkerung in Sicherheit bringen sollen in einem Landstrich, der nicht größer ist als Bremen, in dem aber dreimal so viele Menschen leben - 1,5 Millionen - und dessen Grenzen so streng bewacht werden, dass er immer wieder auch als das größte Freiluftgefängnis der Welt bezeichnet wird?

Über den Zugang nach Gaza wacht Israel rigoros. Während früher tausende Arbeiter in Israel den Lebensunterhalt für ihre Familien verdienten, dürfen heute nur noch wenige Palästinenser ihr Land verlassen. Eine Generation nach der anderen wird um ihre Kindheit und Jugend betrogen, um ihre Chancen im Leben. Da die Bewohner von Gaza seit den neunziger Jahren keinen Kontakt mehr zu Israelis haben, haben sie sie auch nie als Arbeitgeber, als Kollegen oder als Freunde kennen lernen können. Für die meisten sind die Israelis nur Besatzer, Unterdrücker und Soldaten blutiger Militäroffensiven.

Bettina Marx studierte Judaistik und Islamwissenschaft. Viele Jahre berichtete sie als ARD-Hörfunk-Korrespondentin für den Deutschlandfunk aus Israel und den palästinensischen Gebiete. In ihrem Buch schildert sie aus eigener Anschauung das Leben in Gaza, ergänzt um Kapitel speziell über die aktuelle Situation im März 2009.

Bettina Marx: Gaza. Bericht aus einem Land ohne Hoffnung, 348 S., Zweitausendeins, € 19,90

Dienstag, 6. Oktober 2009
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Judith Hermann: „Alice“

»Die Planeten laufen langsam. Aber sie machen ihre Transite. Und dann ändert sich dein ganzes Leben.« Wenn jemand geht, der dir nahe ist, ändert sich dein ganzes Leben, es
ändert sich, ob du willst oder nicht. Alles wird anders. Alice ist die Heldin dieser fünf atmosphärisch ebenso bezwingenden wie stilistisch meisterhaften Geschichten vom Sterben und von der Erfahrung des Verlustes – und davon, wie das Leben ist und das Lieben, wenn Menschen nicht mehr da sind. Dinge bleiben zurück, Bücher, Briefe, Bilder, und ab und zu täuscht man sich in einem Gesicht.

Wir freuen uns sehr, dass Judith Hermann bereits zum zweiten Mal unser LITTERA-Gast sein wird, um auf ihre unvergleichliche Art aus ihren Geschichten vorzutragen. Sie erzählt mit fester und berührender Stimme, wie Lebenswege sich kreuzen, die Richtung ändern und unwiederbringlich auseinandergeführt werden. Entstanden sind Geschichten von erstaunlicher Nüchternheit, großer literarischer Schönheit und ungeheurer Kraft.

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Nach journalistischer Ausbildung und Zeitungspraktikum in New York erschien 1998 ihr erstes Buch Sommerhaus, später, dem eine außerordentliche Resonanz zuteil wurde und für das sie mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. 2003 erschien der Erzählungsband Nichts als Gespenster. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das deutsche Kino verfilmt. 2009 erhielt sie den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Die Autorin lebt und arbeitet in Berlin.

Judith Hermann: Alice. Erzählungen, 188 S., S. Fischer Verlag 2009, € 18,95

Donnerstag, 24. September 2009

Ilija Trojanow: „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“
Moderation: Jochen Thomas-Schumann
in der Kunsthalle Dominikanerkirche in Rahmen der Ausstellung BILDERSCHLACHTEN

Niemals würden Sie es anderen Menschen erlauben, in Ihren privaten Sachen zu schnüffeln, Sie zu bespitzeln oder zu belauschen. Was aber, wenn diese anderen Menschen den Staat oder die Wirtschaft repräsentieren? Ist Ihnen die totale Überwachung dann egal? Die Warnungen vor Terror und Kriminalität und die Annehmlichkeiten von Plastikkarten und Freundschaften im Internet lenken von einer Gefahr ab, die uns allen droht: dem transparenten Menschen. Bevor es so weit kommt, schlagen die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh und der Autor, Herausgeber und Verleger Ilija Trojanow mit einer engagierten Kampfschrift Alarm. Ihr Buch wird viele Menschen aufrütteln, die sich zu lange in falscher Sicherheit wiegten - denn unsere Bürgerrechte stehen auf dem Spiel.

Die besondere Konzeption der Ausstellung BILDERSCHLACHTEN eröffnet die Möglichkeit, den Einsatz von Techniken gegen Menschen in breiter Form zu vergleichen und diskutieren. Wir freuen uns deshalb über den Besuch von Ilija Trojanow in der Friedensstadt Osnabrück, der als ein Teil des Verfasserduos die Thesen des neuen Buches engagiert und provokativ vorstellen wird.

Ilija Trojanow, 1965 in Bulgarien geboren, in Kenia aufgewachsen, studierte und arbeitete viele Jahre in Deutschland lebte danach lange im Ausland. Trojanow ist Autor, Herausgeber und Verleger. er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit afrikanischer Geschichte, Kultur und Literatur. Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter den Adelbert-von-Chamisso-Preis (2000), den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Belletristik" (2006) sowie zuletzt den Preis der Literaturhäuser (2009) und den Würth-Preis für Europäische Literatur (2010).

Ilija Trojanow/Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte, 176 S., Hanser Verlag 2009, € 14,90

Montag, 7. September 2009
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Norbert Scheuer: „Überm Rauschen“

aufgenommen in  die Endauswahl für den Deutschen Buchpreis 2009!

LITERARISCHER ÜBERRASCHUNGSGAST der Blind Date-Lesungen im Rahmen des Deutschen Buchpreises 2009

Wir erwarten einen literarischen ÜBERRASCHUNGSGAST, dessen Name bis zu Beginn der Veranstaltung geheim bleiben wird! Wer dieser Gast ist, ergab sich durch die am 19. August veröffentlichte Longlist für den Deutschen Buchpreis des besten deutschsprachigen Romans 2009. Nach der Bekanntgabe dieser 20 Bücher durch die Jury unter Leitung von Hubert Winkels hat die Buchhandlung zur Heide eine oder einen der nominierten Autorinnen und Autoren ausgewählt und eingeladen. Die Lesung findet in Kooperation mit dem „Börsenverein des Deutschen Buchhandels“ statt, insgesamt gibt es nur SIEBEN (!) Veranstaltungen dieser Art in Deutschland. Wir freuen uns über die große Ehre, gefragt worden zu sein, und empfinden dies als Anerkennung unserer täglichen Kulturarbeit.
Jeder Verlag aus Deutschland, Österreich und der Schweiz konnte sich mit zwei deutschsprachigen Romanen aus dem aktuellen oder geplanten Programm um den Deutschen Buchpreis bewerben. Die Bücher müssen zwischen Oktober 2008 und September 2009 erschienen sein. Der preisgekrönte Titel wird in mehreren Auswahlstufen ermittelt. Zunächst sichtete die Jury alle von den Verlagen eingereichten Romane und stellte eine 20 Titel umfassende Longlist zusammen. Daraus werden sechs für die Shortlist nominiert – erst am Abend der Preisverleihung erfahren die sechs
Ausgewählten, wer von ihnen den Deutschen Buchpreis erhält.

„Mit diesem Preis ist deutsche Literatur der Gegenwart wieder ins Gespräch gekommen, wie dies seit den Tagen der Gruppe 47 nicht mehr der Fall war.“ (Die Welt, 3.09.2008)

Einst sind der Vater und die Brüder gemeinsam fischen gegangen, das Rauschen des Wehrs hinter der Gaststätte in der Eifel, in der sie gelebt haben, hat die Kindheit der Brüder mit Ahnungen und Phantasien belebt. Aber der Vater, der beim Angeln immer auf der Suche nach einem riesigen, mythischen Urfisch war, ist schon lange tot. Und der ältere Bruder Hermann ist abgeholt worden, musste in die Klinik, er hat den Verstand verloren, sein Schicksal ist ungewiss. Der jüngere Bruder, der Ich-Erzähler, ist zurückgekehrt an den Ort der Kindheit, um der Familie zu helfen, steht im Fluss, angelt und lässt das Leben des Bruders, sein eigenes, das der Familie Revue passieren. Die Kindheit am Fluss, die erste Liebe, die kauzigen Gäste der elterlichen Gastwirtschaft, die Ausbruchsversuche des Bruders, der Niedergang der Kneipe, der Fluss und die Fische, der Tod der holländischen Gelegenheitsgeliebten des Bruders und die ungeklärte Frage nach dem eigenen leiblichen Vater - erschöpft und doch überwach versucht der Erzähler, aus den Erinnerungen und Gesprächen, Ereignissen und Beobachtungen einen Zusammenhang herzustellen, eine Erklärung zu finden.
Norbert Scheuers Roman „Überm Rauschen“ entwickelt mit seiner genauen und poetischen Sprache einen enormen Sog. Trauer und Schönheit einer ganzen Welt entstehen durch diese suggestive Geschichte, deren Protagonisten mit ihrer Suche nach dem großen mythischen Fisch zugleich auf der Suche nach dem Glück sind. Und das Glück ist da, im Rauschen, in der wehmütigen Kraft des Erzählens.

Norbert Scheuer, 1951 geboren, studierte physikalische Technik und Philosophie. Er erhielt mehrere Literaturpreise, arbeitet als Sytemprogrammierer und lebt mit seiner Familie in der Eifel. „Überm Rauschen“ ist sein sechstes Buch.

Norbert Scheuer: Überm Rauschen. Roman, 165 S., C.H. Beck Verlag 2009, € 17,90

Montag, 22. Juni 2009
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Denis Scheck: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen...
Gibt es einen Zusammenhang zwischen literarischer Neuerscheinung und einem Papierkorb?“

Anläßlich des 90-jährigen Firmenjubiläums der Buchhandlung zur Heide informiert Denis Scheck unterhaltsam und fundiert über lesenswerte Neuerscheinungen des ersten Halbjahres 2009, aber auch über aktuelle Entwicklungen des Buchmarktes. Durch seine ultimativen Lobhudeleien wird er auf seine Weise die tägliche Arbeit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Buchhandlung zur Heide ergänzen.

Denis Scheck, geboren 1964 in Stuttgart, ist Literaturkritiker und Kulturjournalist. Lesen und Schreiben konnte Denis Scheck im Alter von fünf Jahren, mit sechs Jahren übersetzte er englische Comics ins Deutsche, mit 13 Jahren wurde er Literaturagent und bereits im Alter von 16 Jahren bestritt er seinen Lebensunterhalt selbständig durch Literaturarbeit. Er studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Seit 2004 ist er Gastprofessor für Literaturkritik an der Universität Göttingen. Besonders bekannt wurde er durch die Moderation des monatlichen Büchermagazins Druckfrisch, das im Februar 2009 zum 50sten Mal in der ARD ausgestrahlt wurde. Scheck erhielt den Kritikerpreis des Deutschen Anglistentages und war Juror beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. 2007 wurde er mit der Übersetzerbarke ausgezeichnet.

Dienstag, 2. Juni 2009
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Wilhelm von Sternburg: „Josef Roth. Eine Biografie“

Welch ein Leben: Vom jüdischen Außenseiter aus Ostgalizien zum Wiener Studenten und Weltkriegssoldaten, vom Starjournalisten der Weimarer Republik und Reisereporter zum österreichischen Literaten mit Weltruhm, der als verlorener Trinker im Pariser Exil stirbt. 70 Jahre nach Roths Tod wird sein Leben nun in dieser Biographie packend und kenntnisreich erzählt.
Joseph Roth - bekennender Ostjude mit Neigung zum Katholizismus, Pazifist und Einjährig-Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, zeitweise engagierter Sozialist und bald Propagandist einer erneuerten Habsburgmonarchie, analytischer Journalist und Legendenerzähler des eigenen Lebens, weitherziger Moralist und begnadeter Polemiker: Kaum ein Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war so widersprüchlich, kaum einer war so geschickt und souverän darin, seine Biographie und seine Haltung zur Welt ständig neu zu erfinden. Der renommierte Publizist und Buchautor Wilhelm von Sternburg bringt Licht in das von Mythen durchwirkte Selbstbild Roths. Er legt die Wurzeln im Ostjudentum und die Motive für Roths Habsburgsehnsucht frei, er spürt der melancholischen Ironie und dem heiteren Pessimismus des stets neu enttäuschten Humanisten nach. Anschaulich erzählt er von Roths Aufstieg, den bitteren Jahren der Emigration, Roths unbeirrtem publizistischen Kampf gegen die Nazi-Barbarei, vom Wahnsinn der Ehefrau und von Roths körperlichem Verfall. Erhellend sind die Bezüge zu Kleist, Hölderlin, Heine oder Kafka und die Deutungen zu Roths Romanen, seiner Heimatlosigkeit und der lebenslangen Fluchtbewegung.
Diese große Roth-Biographie ist eine faktenreiche und fesselnd erzählte Lebensbeschreibung und zugleich ein tiefenscharfes Zeitbild. Sprachlich brillant und mit großem psychologischem und historischem Wissen verknüpft Wilhelm von Sternburg das Lebensbild Joseph Roths mit der Werk- und Zeitgeschichte. Ein Buch, das Lust macht, wieder Joseph Roth zu lesen - und zwar alles von Roth!

Wilhelm von Sternburg, Jahrgang 1939, war über dreißig Jahre lang Journalist für verschiedene Zeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen, u. a. Chefredakteur beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks. Seit 1993 arbeitet er als freier Schriftsteller und Publizist. Sternburg hat u.a. Biographien über Konrad Adenauer, Lion Feuchtwanger, Carl von Ossietzky, Arnold Zweig und Erich Maria Remarque veröffentlicht sowie weitere Titel zu historischen und kulturellen Themen.

Wilhelm von Sternburg: Josef Roth. Eine Biografie, 400 S., Verlag Kiepenheur & Witsch 2009,  € 19,95

Dienstag, 19. Mai 2009

Daniela Dahn: „Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen“

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer steht für die ostdeutsche Publizistin Daniela Dahn fest: Der Westen ist der Verlierer der Einheit. Die meisten im Osten hingegen haben gewonnen: Rechtsstaat und Reisefreiheit, höhere Renten und besseres Wohnen, modernste Infrastruktur, Konsumvielfalt und eine sich erholende Umwelt.Doch auch ihnen vergeht allmählich der Spaß. Denn der Westen von heute hat mit dem Land der Verheißungen, von dem sie einst träumten, nicht mehr viel gemein. Ohne Mauer und Systemkonkurrenz ist er haltlos geworden. Werte und Ziele wie Wohlstand für alle, mehr bürgerliche Freiheiten, soziales Wirtschaften und eine intellektuelle Kultur, die auf Meinungsvielfalt setzt - sie schwinden dahin.Was bleibt vom Kapitalismus, so wie die Westdeutschen ihn einst kannten und die Ostdeutschen ihn sich erhofften? Daniela Dahn geht dieser Frage mit gewohnt präziser Recherche, spitzer Zunge und brillanter Sprache anhand vieler Beispiele aus dem Alltagsleben nach.

Daniela Dahn, geboren 1949 in Berlin, Journalistikstudium in Leipzig, danach Fernsehjournalistin. Seit 1981 arbeitet sie als freie Autorin, Mitglied des PEN seit 1991, Gründungsmitglied des „Demokratischen Aufbruchs“. Sie ist Trägerin des Kurt-Tucholsky-Preises für literarische Publizistik, der Luise-Schroeder-Medaille der Stadt Berlin und des Ludwig-Börne-Preises.

Daniela Dahn: Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen, 256 S., Rowohlt Verlag 2009,  € 18,90

Montag, 4. Mai 2009

Thomas Klupp: „Paradiso“

Es ist heiß. Glühend heiß. In der flirrenden Tankstellenluft wartet Alex Böhm auf einen gelben Kombi, der gleich an den Zapfsäulen halten und ihn nach München bringen soll. Von dort wird er am nächsten Morgen mit seiner Freundin Johanna nach Portugal fliegen. Das ist der Plan. Aber dann taucht Konrad auf, der Loserkonrad aus Schulzeiten, und diese Begegnung katapultiert Böhm auf das Minenfeld seiner Vergangenheit. Während er in atemlosen Monologen einen Zünder nach dem anderen schärft, gerät er in die nördliche Oberpfalz, seine alte Heimat. Hier riecht es nach Zerstörung, und der Eindruck trügt nicht. Bei einem Fest am Paradiso, einer Kiesgrube tief im Wald, kommen all diejenigen zusammen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben. Als er das Fest nach Sonnenaufgang verlässt, ist nichts mehr wie zuvor...
Das Debüt von Thomas Klupp ist ein bitterböser Roman über einen Charakter ohne moralisches Innen, über einen Blender im Hier und Jetzt, anarchisch und mit tiefschwarzem Humor erzählt.

Thomas Klupp wurde 1977 in Erlangen geboren und lebt in Berlin. Er gab die Literaturzeitschrift BELLA triste heraus und arbeitet am Literaturinstitut der Universität Hildesheim. Er veröffentlichte Prosa in Zeitschriften und Anthologien und erhielt bereits zahlreiche literarische Stipendien.

Thomas Klupp: Paradiso. Roman, 208 S., Berlin Verlag 2009,  € 18,--

Montag, 27. April 2009
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Viola Roggenkamp: „Die Frau im Turm“

Hamburg, 1999: Masia Bleiberg, ohne Beruf, ohne Liebesgeschichte, ist mit ihrem Leben unzufrieden. Zu ihrem Vater, Jude und deutscher Kommunist in der DDR, hat sie nie Kontakt gehabt. In der Hoffnung, ihn in Dresden zu finden, begleitet sie August Kuhl, ihren einzigen Freund, der dort einen Film dreht über die Gräfin Cosel - einst berühmte Mätresse von August dem Starken, mächtigste Frau an einem der glanzvollsten Höfe des 18. Jahrhunderts, verstoßen und verbannt auf die Festung Stolpen und ausgesperrt aus der Welt bis zu ihrem Tod. In fünfzig Jahren Gefangenschaft wurde die schöne Dame des Hochadels zu einer Gelehrten, sie durchwanderte geistige Freiräume, die sie im Judentum fand - zu ihrer Zeit ein Skandal.
Mit großem erzählerischen Können verwebt Viola Roggenkamp in diesem neuen Roman das Leben der Cosel mit dem der jüdischen Tochter Masia, zwei Frauen in Deutschland, denen Judentum Stigma ist und Fluchtpunkt.

Viola Roggenkamp, in Hamburg geboren, stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie. Nach dem Studium der Psychologie, Philosophie und Musik verbrachte sie mehrere Jahre in verschiedenen Ländern Asiens und in Israel. Als Schriftstellerin und Publizistin lebt sie heute wieder in Hamburg. 2004 erschien ihr in mehrere Sprachen übersetzer Besteller Familienleben, 2005 ihr großer Essay Erika Mann – eine jüdische Tochter.

Viola Roggenkamp: Die Frau im Turm. Roman, ca. 448 S., S. Fischer Verlag 2009, ca. € 19,95

Mittwoch, 25. März 2009
im Renaissancesaal des Ledenhofs Osnabrück 

Gewinnerin des Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse 2009 !

Sibylle Lewitscharoff: „Apostoloff“

Zwei Schwestern - die eine auf der Rückbank, die andere auf dem Beifahrersitz, die eine scharfzüngig und kampflustig, die andere nachsichtig und höflich: Sie sind unterwegs im heutigen Bulgarien. Auf der ersten Hälfte ihrer Reise waren sie Teil eines prächtigen Limousinenkonvois, der die Leichen von 19 Exilbulgaren - in den Vierzigern von Sofia nach Stuttgart ausgewandert -  in ihre alte Heimat überführte. Darunter der frühverstorbene Vater der Schwestern. Jetzt sind sie Touristinnen, chauffiert vom langmütigen Rumen Apostoloff. Er möchte den beiden die Schätze seines Landes zeigen, die Keramik mit Pfauenaugendekor (dessen Kobaltblau giftig ist), die Schwarzmeerküste (komplett versaut), die Architektur (ein Verbrechen des 20. Jahrhunderts). Die Jüngere, die Erzählerin, spuckt Gift und Galle.

Kaschnitz, Marie Luise - Ein ruhiges Haus - Interpretation

Ein ruhigesHaus, Interpretationsaufsatz



In der Kurzgeschichte "Ein ruhigesHaus"“ von MarieLuiseKaschnitz geht es um ein altes Ehepaar, das sich durch den Kinderlärm der Mieter über und unter ihnen gestört fühlt, und diesen mit herzlosen Mitteln stoppen lässt.

Die Autorin, die für ihr soziales Engagement bekannt ist, will die Unmenschlichkeit der Frau, die die Geschichte berichtet, darstellen und zugleich an die Leser appellieren, nicht so zu handeln.

Sie übertreibt, um diese Unmenschlichkeit zu zeigen, maßlos und die Frau erscheint dadurch herzlos und egoistisch.

Die erzählende Frau ist offensichtlich verheiratet, da sie „mein Mann“(Z.8) sagt, hat aber keine eigenen Kinder. Dies erkennt man an der Verständnislosigkeit gegenüber Kindern und deren Eltern im Haus, vor allem an dem Satz: "Natürlich haben wir uns mit solchen Ausreden nicht zufriedengegeben."(Z.7, 8) Auch scheint diese Frau sehr egoistisch, gedankenlos und oberflächlich zu sein. Sie will nur ihre eigene Bequemlichkeit, nämlich Ruhe im Haus, und setzt alle Hebel in Bewegung, diese aufrecht zu erhalten. Die Tatsache, dass sie zu diesem Zweck einen recht hinterhältigen und unmenschlichen Weg wählt, scheint sie nicht zu begreifen.

Sie erzählt ihrem Gegenüber, der ab und zu Zwischenfragen stellt, von der Situation, „die noch vor kurzem“(Z.2) in ihrem Mietshaus geherrscht hat. Anlass dazu ist wohl die Bemerkung des Gegenübers, der die Ruhe lobt. Sie spricht ihn mit „Sie“(Z.1) an, und da er Kritik in seine Fragen bringt, kann man davon ausgehen, das er erstens die Frau nicht näher kennt, und zweitens ihr Verhalten nicht gut findet.

Der Text ist deutlich in zwei Teile gegliedert. Einmal die Vergangenheit, in der die Frau „das Trampeln und Scharren der kleinen zornigen Füße“(Z.5) ertragen muss, und in die Gegenwart, in der die Kinder „zum Schweigen gebracht“(Z.13) sind. Im ersten Teil erzählt die Frau von der „Hölle“(Z.2).Außerdem berichtet sie von den unternommen Gegenmaßnahmen, wie telefonieren und das beschweren beim Hauswirt, bis hin zur Kündigungsdrohung. Im zweiten Teil „ist es (..) besser geworden“(Z.11). Die Frau wird nun von ihrem Gegenüber gefragt „Wie sie [die Eltern] die Kinder zum Schweigen gebracht haben“(Z.13), worauf sie boshafte Vermutungen, wie das „binden (..) an den Bettpfosten“(Z.14), anstellt.

Es ist deutlich bemerkbar, das sich die Frau keine Gedanken über die Gefühle der Eltern macht, den „jetzt grüßen wir(..) wieder“ (Z.17) und „wie es den Kindern geht, fragen wir sogar. Gut, sagen die Eltern. Warum sie (..) Tränen in den Augen haben, weiß ich nicht“(Z.18,19,20), beweist dies.

Die Frau hat den selben Charakter wie viele andere, meist kinderlose, Menschen. Daher ist sowohl ihr Handeln, als auch ihr Denken durchaus aktuell und ein ernstzunehmendes Thema. Die Situation für manche Kinder hat sich zu unsere Zeit sogar noch verschlechtert, da viele Mieter Eltern mit Kindern erst gar nicht aufnehmen, oder überteuerte Preise ansetzen.
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