Tattoofrei Satire Essay

Mehr als 220.000 Fans hat die Seite „Tattoofrei – Es ist schön, keine Tattoos zu haben“. Warum? Das weiß eigentlich keiner so genau. Nicht einmal der Gründer und Betreiber der Seite, der sich selbst ironisch als 69 Jahre alter pensionierter Lehrer mit Abneigung gegen Tattoos beschreibt.

Der Inhalt der Seite: Bilder und Texte, die Tattooträger verteufeln und als den Ursprung alles Bösen darstellen. Vor allem mit vermeintlichen Klischees wie Tätowierten als ungebildeten Menschen oder Kriminellen spielen die Beiträge. Hier einige Beispiele:

FOCUS Online gab der Seiten-Betreiber, der seine echte Identität nicht offen legen möchte, nun ein nicht ganz ernst gemeintes Interview zu den Reaktionen, die seine Seite hervorruft – und wie viele Leute seine Ironie nicht verstehen.

FOCUS Online: Was war die Motivation, die Seite zu starten? Ein Gefühl der „Diskriminierung von Tätowierten“?

Nicht direkt, in erster Linie war es ein Versuch, zu sehen welche Reaktionen hervorgerufen werden und ob sich wirklich jemand aufregen wird. Natürlich war auch etwas Langeweile im Spiel. Die Seite zeigt die Klischees und Vorurteile gegenüber Tätowierten, natürlich total überspitzt und übertrieben. So sehr, dass man eigentlich direkt merken sollte, dass es einfach nicht ernst gemeint sein kann.

Wieviel Prozent der Nutzer verstehen die Ironie hinter den Beiträgen nicht – Ihrer Einschätzung nach?

23,1 Prozent! Nein, also so genau kann man das nicht sagen. Wenn man sich die Bewertungen anschaut (aktuell 4,3 von 5 Sternen) würde ich sagen, der Großteil versteht es. Es kommt aber auch auf den Post an. Es gibt Beiträge, da hat man das Gefühl "Wo kommen die jetzt alle her, ist irgendwo wieder ein Tintenfass ausgelaufen?" Auch wenn ich auf einer anderen Facebook-Seite einen Kommentar hinterlasse, geht es dort immer ziemlich rund. Unabhängig davon, was ich schreibe. Manche lesen nur den Namen "Tattoofrei" und werfen direkt mit Beleidigungen um sich.

Wie „hart“ sind die Angriffe von dieser Seite? Es gibt ja beispielsweise „Gegen-Gruppen“ bei Facebook…

Wie sagt man so schön: `Ist Tattoofrei zu hart, bist du zu tätowiert.´ So hart ist Tattoofrei nicht, die Mischung macht‘s. Es kann eben nicht immer alles `lustig´ sein, manchmal müssen die harten Fakten auf den Tisch gelegt werden. Tattoofrei dient schließlich nicht nur zur Belustigung und Unterhaltung, sondern soll auch über die Gefahren aufklären, die von Tattoos ausgehen. Von diesen "Gegen-Gruppen" gibt es einige, von denen halte ich aber nicht viel.

Wie gelang Ihrer Seite der Durchbruch?

So richtig ging es am 1. April los, als ich ein Vergleichsfoto einer Tattoo-Familie und einer tattoofreien Familie gepostet habe. Es folgte ein großes Interview im Tätowiermagazin sowie eine Erwähnung in dem seriösen Nachrichtenmagazin "Der Postillon".

Verfolgen Sie bestimmte Ziele mit Ihrer Seite?

Selbstverständlich. Es gibt auf Tattoofrei eine Veranstaltung, bei der Stimmen gesammelt werden `1.000.000 Stimmen für ein Tattoo-Verbot´, mittlerweile haben über 30.000 Personen zugesagt. Denn erst, wenn Tattoos verboten sind, dann wird die Welt zu einem besseren Ort. Stellen Sie sich vor, es gibt keine Tattoos, keine Kriminalität und alle leben friedlich zusammen. Sie denken vielleicht, ich bin ein Träumer, aber ich bin nicht der einzige.

Sind Sie Tattooträger?

Dazu sage ich nichts, ein Teil meiner Antwort würde Sie nur verunsichern.

So sieht es aus, wenn man für Millionen Follower postet

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tmo

Chris aus Berlin betreibt auf Facebook die Satire-Seite "Tattoofrei - Es ist schön, keine Tattoos zu haben"

Von Mara Schumacher. Satire-Seiten auf Facebook werden von Hunderttausenden geliked, aber mindestens genauso viele checken nicht, dass es sich eben um Satire handelt - so auch bei "Tattoofrei- Es ist schön, keine Tattoos zu haben". Wir haben mit dem Admin der Seite, Chris aus Berlin, gesprochen.

"Tattoofrei" richtet sich SCHEINBAR gegen Tätowierte und zieht den Zorn von Ironie-resistenten Leuten auf sich. Chris nutzt engstirnige Klischees für die Beiträge: Tätowierte sind asozial, dumm und kriminell. Ein tattoofreies Leben sei viel schöner. Nach Erstellung der Seite und erster Posts musste Chris gar nicht lange warten, bis die ersten Pöbelnachrichten und Kommentare von Leuten eintrudelten, die von Satire wohl noch nie etwas gehört haben. Das sind die selben Menschen, die auch "Postillon"-Artikel für bare Münze nehmen.

Aufgebrachte Tätowierte bezeichnen "Tattoofrei" als rassistisch und sie verstehen nicht, wie man Menschen mit Tattoos als Abschaum darstellen könne. Die "besten" Beiträge veröffentlicht Chris ohne Nennung von Namen und kommentiert sie in einer schwierigen Sprache: satirisch. Für alle, die kapiert haben, was Sache ist, ist das natürlich unheimlich witzig. Auch wenn einem die vielen Kommentatoren fast schon ein bisschen Leid tun, wenn sie mit aller Kraft versuchen, ihre Tattoos zu rechtfertigen.

Achtung: Dieses Interview kann Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten!

Wie bist du dazu gekommen, die Seite zu gründen? War da Langeweile im Spiel? (Da kommen einem ja meistens die besten Ideen).  

Aliens, tätowierte Aliens haben mich entführt und schreckliche Dinge mit mir angestellt, seitdem bin ich der Meinung, dass alle Probleme dieser Welt mit Tattoos zusammenhängen. Es war also höchste Zeit, eine Seite gegen Tattoos zu erstellen.

Nein, es war Sonntag, der 24. Februar 2015, erst ein paar Tage zuvor bin ich auf eine amerikanische Seite gestoßen, die gegen tätowierte Mütter gerichtet war (natürlich auch nur zum Spaß). Ich sah, wie die Menschen sich aufgeregt haben und ich dachte mir, sowas fehlt in Deutschland. Also, Seite innerhalb von paar Minuten erstellt, auf meinem Profil geteilt und es dauerte nicht lange, bis die ersten "Hater-Kommentare" gepostet wurden.

Du musst mittlerweile über 150.000 "Liker" bei Laune halten und dich mit den vielen herzallerliebsten Nachrichten und Kommentaren rumschlagen. Is'n harter Fulltime-Job und am Ende des Tages als Admin musst du bestimmt erst mal Kamillentee zur Beruhigung trinken, oder? 

Es geht, in den Kommentaren bin ich nicht so sehr aktiv und Fanpost lese ich auch nicht mehr regelmäßig, weil ich dann immer Heulkrämpfe bekomme. Ich schätze mal in meinem Tattoofrei-Postfach schlummern zirka 10.000 ungelesene Nachrichten, dort sind bestimmt noch einige Schätze zu finden.

Wenn man sich so durch die Kommentare unter den Posts wühlt, dann fragt man sich ja schon, wieso das Rächtschreibung und Gramatick so kaputt sind von den Leute. Liegt das an den Tattoos?

Selbstverständlich, woran denn sonst? Und Kinder, welche sie nicht beherrschen, bei denen kann man davon ausgehen, dass ihre Eltern tätowiert sind.  

Ich geh mal davon aus, dass du selbst auch tätowiert bist (Oh, hätte ich das sagen dürfen?). Was ist schmerzhafter - die Nadel in der Haut oder Menschen, die Ironie und Satire nicht verstehen? 

Ich und tätowiert? Hoffentlich liest das Interview keiner, aber ja, ich bin tätowiert. Die Nadel in der Haut ist nur ein temporärer Schmerz, der geht vorbei. Menschen, die Ironie und Satire nicht verstehen, werden es wahrscheinlich nie verstehen, diese Tatsache ist schmerzhafter als ein Tattoo.  

Was rätst du den Leuten, die an chronischem Ironieschwund leiden? Ist denen überhaupt zu helfen?

Die sollten das Leben nicht so ernst nehmen und einfach mal versuchen, über sich selbst zu lachen.

Wie dumm, ich dachte immer, dass Reinhäuter Pferde sind. Meine Tattoos haben mich anscheinend verblödet. Gibt's da ein Gegenmittel?

Natürlich, der Laser! Ist das Tattoo erst weg, dann kommt die Schlauheit direkt wieder.  

Du selbst als Tätowierter bist ja bestimmt ständig in Schießereien und Drogendeals verwickelt - gerade in Berlin, voll schlimm da. Was war dein längster Knastaufenthalt und was hast du dir während der Haft so für Tattoos stechen lassen? 

Fünf Monate war ich in Haft, dann konnte ich ausbrechen. In der Zeit habe ich mir zwei Portraits auf meinen Bauch tätowieren lassen. Daniel Aminati und den "taff"- Admin, in der Hoffnung, dass sie eines Tages dieses Interview lesen und "Tattoofrei" auf ihren Facebook- Seiten entblockieren. #unblocktattoofrei.  

Hast du schon den Ratgeber "Die Rückkehr zum Reinhäuter" gelesen? Ist gerade ein Bestseller bei Tätowierten, die wieder zur Besinnung kommen. 

Selbstverständlich, dieses Buch gehört in jedes Reinhäuter- Bücherregal, ich besitze die limitierte Sammler-Edition, welche eine Schutzhülle aus echter untätowierter Haut hat.

Wo am Körper kann man sich am besten ein Pirsing stechen lassen? Hab Angst, dass das an der falschen Stelle erbermilch aussieht. 

Von Pirsings rate ich ab, die sehen an jeder Stelle ebermilch aus. Stattdessen solltest du dir lieber einen guten Wirsingkohl zubereiten und dazu eine leckere Erdbeermilch trinken.  

Mal eine ernste Frage: Die Reinhäuter-Fraktion gibt es leider wirklich im echten Leben. Was sagst du Leuten, die dir wegen deiner Tattoos blöd kommen oder die der Meinung sind, dass Tattoos etwas "Böses" sind? 

Eine ernste Frage? Soll das heißen, die anderen Fragen waren nicht ernst gemeint? Auf solche Diskussionen lasse ich mich selten ein, solche Leute kann man nur schwer überzeugen. Daher antworte ich meistens mit "stimmt".  

Gab es schon mal richtig fiese miese Nachrichten oder Kommentare, bei denen du dachtest "Ui, jetzt ist aber Schluss mit lustig"? 

Ich gebe zu, aktuell lese ich sehr wenig Fanpost, es ist einfach anstrengend auf Dauer. Pro Tag erhalte ich zirka 100-200 Nachrichten, manchmal sogar noch mehr. Beleidigungen und Beschimpfungen machen mir nichts aus. Wenn ich in den Kommentaren aber etwas lese, was ich unpassend finde, dann werden die Personen meistens blockiert, da mache ich kurzen Prozess. Klingt hart, aber so bin ich. ;-)

Falls "Tattoofrei" weiterhin so boomt - hast du eventuell geheime Pläne, um das Ganze auszuweiten (Buch, Fanartikel etc.), die du uns jetzt verrätst? Ich hätte ja gerne "Tattoofrei"-Aufkleber, mit denen ich meine echten Tattoos überkleben kann. 

"Falls"? DEFINTIV! Solange es Tattoos gibt, wird es auch "Tattoofrei" und die Reinhäuter geben. Einen Fanshop wird es nicht geben, da ich nicht vorhatte, mit "Tattoofrei" Geld zu verdienen. Es gibt Sticker, die kostenlos verteilt werden. Ansonsten gab es mal fünf Tage lang eine Shirt- Aktion, weil die Nachfrage so groß war. Das war es aber auch schon. Über ein Buch dachte ich ernsthaft mal nach: "Die gesammelten Werke von Tattoofrei - Band 1" oder so. Aber dies ist wieder mit Aufwand verbunden, daher eher nicht.

Na, wenn das so ist, dann schicke ich dir und dem Rest der Redaktion auf jeden Fall ein paar zu. :)

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